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Romane

Michael Krüger. Im Wald, im Holzhaus. Gedichte

Suhrkamp Verlag

„Was Gott so alles erlaubt, wenn der Tag lang ist...“
Gedichte des gut getarnten Mystikers Michael Krüger

„Es ist vielleicht nicht ganz falsch, Michael Krüger einen gut getarnten Mystiker zu nennen. Oder einen Schriftgelehrten am Ende aller Bücher, wo die Weisheit der Meister beginnt, jene närrische Weisheit, die ihr letztes Wort ins Wasser schreibt...“, so die Worte des hellhörigen Adolf Muschg im April 1986 (!) in seiner Laudatio auf den Peter Huchel-Preisträger Michael Krüger.
Neben vielem Gutgemeinten im übergangslosen Grenzgebiet von Literatur und Theologie ist die Stimme Krügers vom Vergnügen der Weltwahrnehmung geprägt, die für ihn unbeirrt „Schöpfung“ ist und deren Botschaften er in „närrischer Weisheit“ niederschreibt, deren schelmisch-klugen Züge und intellektuelle Schwerelosigkeit ihn zu einem einzigartigen Zeit-Genossen machen.
„Gott ist stark durch uns,/seine Lehre leicht, doch schwer zu leben,“ heißt es in „Hinter der Grenze“ (1989) – ein literarisch-theologischer Satz, lakonisch genau, die Bibel in zwölf Worten. Und 30 Jahren später, heute, schreibt er: „Hätte ich Zeit, würde ich jetzt die ganze Bibel noch einmal lesen, auf Knien.“ Der homme de lettres weiß, dass in der Bibel alle Romane schon einmal geschrieben sind...So meint es auch Muschg in seiner Preisrede, wenn er sagt, dass Krüger einem Horizont folge, den er „niemals einholen“ wird. Es ist eben wie in der Bibel: Es kommt immer zuviel dazwischen, „zwischen Bild und Bedeutung, Ich und Du, zwischen Lüge und Wahrheit, Leben und Tod. Von diesen Zwischen-Räumen handeln Krügers Gedichte.“ So auch die zwischen Leben und Tod jüngst erschienenen.
Gleich einem „Hieronymus im Gehäus“ auf dem Stich von Albrecht Dürer sitzt der Autor, geschieden von der Welt, im wörtlichsten Sinne „abgeschieden“, aber noch am Leben im Holzhaus im Wald, nahe dem Starnberger See, denn sein Immunsystem hat die „guten Tage hinter sich“. Eine Leukämie-Erkrankung zwingt, ja verurteilt ihn zu einer fugendichten Quarantäne: „Alles, was ich durch mein Fenster sehen kann...“ ist die erste Zeile des Bandes. Wer mitliest, muss in dieses Eremiten-Gehäuse, das ihm um des Lebenswillen zum Mittelpunkt der Welt wird. Anders als die klügste Kirchenvater der antiken Welt, Hieronymus (347 - 420), der mit seiner lateinischen Bibelübersetzung, der bis heute gültigen Vulgata, die das Christentum geprägt hat, der als einziger auch Hebräisch gelernt hatte, der (mit einer kleinen Frauenkommune!) im „Gehäus“ in Bethlehem sitzt und für eine gerechte Ordnung der Welt aufschreibt, was notwendig ist, anders als dieser sitzt Michael Krüger und denkt nach über die „vier Räder am Thronwagen Gottes: Unterscheidung, Einsicht, Gedächtnis und Freude.“ Anders und doch so nahe dem Hieronymus und dem Propheten Ezechiel, der das Bild vom vierrädrigen Wagen, dessen Räder in alle vier Himmelsrichtungen fuhren. Wie das geht? Ezechiel sah sie... Krüger notiert: „In dieser Zeit es gut, theologische Bücher
zu lesen.“
Im Magazin der Süddeutschen Zeitung erschienen sie zuerst, Prosagedichte, Notate, Botschaften, lyrische Protokolle und die immer mitgehende Nachricht von der erzwungenen Vereinzelung, in der die Aufmerksamkeit für Bäume, Krokusse, Grünspechte, Grasmücken, Glockenblumen wuchs: „ Ich muss den Dingen eine Wahrheit geben, die sie von selbst nicht haben können, sonst geht alles ein. Ich auch...fünf Meter breit ist mein Fenster, vier Meter hoch, die Einstellung bleibt immer gleich, in Farbe.“ Ach, und „dazwischen schlucke ich meine bunten Pillen, deren Namen an aztekische Götter erinnern, Venclyxto oder Venetoclax...“ Er nimmt die Welt draußen wahr mit ihren alt-neuen Denkern, „unvorstellbare Spießer“, „keine Ketzer, Zweifler, Grübler, keine Abtrünnigen, Glatzköpfe in Lederhosen, die in meiner Heimat, Sachsen-Anhalt und Thüringen, Furcht und Zittern erzeugen wollen mit Plastikpistolen von Jahrmarkt...“ Dann doch eher Rabbi Akiba, der als Schriftgelehrter im 1. Jahrhundert über jedes Häkchen in der hebräischen Schrift Haufen und Haufen von Lehren vortrug! So kommt er durch die Tage, mit einem Talmudtraktat, Gedichten von Novalis, Listen von Plinius und immer als Maxime seines Aufschreibens gegen: Mittelmäßige Weitschweifigkeit...Die Losung vor Augen: „Jetzt bloß keine Angst kriegen und stehen bleiben.“ Am 9. Dezember wird er 78 Jahre alt. Großer Glückwunsch: Auf 120 Jahre und drei Monate! Drei Monate? Ja! Man will ja nicht so plötzlich sterben.
Dank an Michael Krüger im Wald, im Holzhaus. Nur nebenbei: Er soll schon wieder gesehen worden sein.
Helmut Ruppel

116 Seiten
24 Euro

Callan Wink. Big Sky Country

Suhrkamp Verlag

Aus dem amerikanischen Englisch von Hannes Meyer

 Ein Paar sitzt in der Abendsonne am See und einigt sich auf den Namen des Sohnes, der bald geboren werden wird. August soll er heißen, wie der Monat. So beginnt der Debütroman namens „Big Sky Country“ des jungen US-amerikanischen Autors Callan Wink. Eine Szene vollkommener Idylle.
Schon auf den nächsten Seiten aber wird klar: Die Ehe ist in die Brüche gegangen, Augusts Vater hat eine Affäre, seine Mutter versucht es mit Lichtnahrung. Alle drei wohnen sie aber noch auf der gemeinsamen Farm in Michigan. August wächst dort heran, doch zieht dann im Jugendalter mit der Mutter nach Montana, ins Big Sky Country. Nach der Highschool verdingt er sich als Hilfsarbeiter auf Bohrinseln und Bauernhöfen, während seine Mutter ihn lieber auf dem College gesehen hätte. Beim alten Farmer Ancient irgendwo im Niemandsland des Mittleren Westens wird er schließlich ansässig. August merkt jedoch bald, dass um ihn herum tiefere Konflikte schwelen. Warum wird Ancients Freundin Kim verleumdet? Warum stehen Schilder mit neurechten Parolen säuberlich arrangiert um das Haus seines Saufkumpels? Und will er diese alten Geschichten wirklich wissen? Eigentlich ist er doch nur hierhergekommen um sich mit körperlicher Arbeit zu betäuben. Um die Ereignisse des letzten Highschooljahres zu vergessen, über die er nicht sprechen kann.
Winks Roman erzählt nicht nur die Geschichte eines heranwachsenden Mannes mit all der Wirrnis, die die Adoleszenz mit sich bringt. Er erzählt auch die wechselvolle Geschichte Amerikas Ende des 20. Jahrhunderts auf sehr beiläufige wie präzise Weise. Die Bush-Ära, der 11. September, der Irakkrieg und das sich wandelnde Klima sind da einige prägnante Stichworte.
Auch sprachlich hat das Buch viel zu bieten. Wink komponiert sowohl scheinbar belanglose Dialoge und mechanisierte Arbeitsabläufe als auch prächtige Landschaften, Wetterlagen und furiose Szenen des Exzesses. Vor allem aber – und das macht den Roman aus – zeigt Wink, wie alle Vorstellungen und Handlungen, die August in seiner von verhärteten Männern bevölkerten Lebenswelt erlernt und übernommen hat, ihm nicht die Erfüllung bringen, nach der er sich sehnt. So sehr er es auch durch Einsamsein, Arbeiten, Trinken und Prügeln versucht. Anders als bei Hemingway oder Bukowski jedoch wird dieser Typus Mann nicht heroisiert. Vielmehr verkündet Wink dessen Abgesang.
Auf nachfolgende Werke des jungen Autors darf man daher durchaus gespannt sein. Tristan Wagner

320 Seiten
€ 24

Mariam Kühsel-Hussaini. Tschudi

Mariam Kühsel-Hussaini hat mit Tschudi ein wahres Kunstwerk geschaffen. Über 320 Seiten hinweg lernen wir Lesende das Berlin des Jahres 1896 und die Nationalgalerie mal durch die Augen ihres Leiters, Hugo von Tschudi, an dessen Seite Max Liebermann herrlich berlinert, mal durch die des Kaisers Wilhelm II. und dem zu ihm haltenden Maler Anton von Werner, kennen.
Zwischen Leidenschaft und Leiden zeichnet die Autorin das Porträt eines wahren Kunstkenners, der hinter seiner Maske immer weniger zu sehen sein wird, aber für die Sichtbarkeit der französischen Impressionisten und ihrer Farbgewalt kämpft. Wer schon einmal im Museum vor einem impressionistischen Gemälde gestanden hat, wird nicht umhin kommen, zu sehen, dass Kühsel-Hussainis Stil dem der Impressionisten nicht sehr fern ist. Ihre Worte haben Strahlkraft, elegant zusammengefügt und zu schwungvollen Sätzen vereint, bringt sie so eine komplexe Bildgewalt zu
Papier. Energetisch, poetisch, dicht, dann wieder lakonisch schlicht, berührend. Bunt durchmischt und unglaublich vielfältig ist das Vokabular von Kühsel-Hussaini, deren Sprach-Genius sich Seite für Seite entschlüsseln lässt und deren Intensität auch dann noch nachhallt, wenn der Roman schon längst seinen Platz im Bücherregal eingenommen hat. Antonia Truss

320 Seiten
€ 24

Amy Waldman. Das ferne Feuer

Verlag Schöffling & Co

Aus dem Englischen von Brigitte Walitzek

Wie schon in ihrem letzten Buch „Der amerikanische Architekt“ greift Amy Waldman in ihrem neuen Roman (Originaltitel: A door in the earth) ein in vieler Hinsicht aktuelles Thema auf.
Es erzählt von einer ehrgeizigen Berkeley-Studentin mit afghanischen Wurzeln, die in ihrem Heimatland Amerika um die Integration dieser beiden emotionalen und mentalen Kulturen in ihrer eigenen Person ringt. Ausgelöst durch die Lektüre des Buches eines engagierten amerikanischen Arztes über seinen humanitären Einsatz in Afghanistan (u.a. dem Bau einer kleinen Geburtsklinik im Hinterland) beschließt sie begeistert - durch eigenes Engagement - die Theorie von humanitärem Einsatz in einem fremden Land in die Praxis umzusetzen und bei der Gelegenheit, die Suche nach den eigenen Wurzeln aufzunehmen. Sie fliegt nach Afghanistan, um den verehrten Arzt zu unterstützen. Was sie allerdings vorfindet, ist ganz anders als erwartet. Ihr Aufenthalt führt zu großer Verunsicherung und gedanklicher Instabilität. Nicht nur, weil sie den Zusammenprall zweier extrem unterschiedlicher Kulturen erlebt. Sie stellt auch fest, das vieles von dem, was sich als idealistisches und hochherziges Projekt gab, in Wirklichkeit beinahe das Gegenteil ist. Zudem sind die Menschen, mit denen sie während ihres Aufenthalts zusammen lebt, äußerst misstrauisch.
Als Chefredakteurin des Südasienbüros der New York Times kennt die Verfasserin Afghanistan aus eigenem Erleben und kann drastisch klarmachen, dass man mit unseren westlichen Vorstellungen dieses Land kaum versteht.
Die Naivität und Gutgläubigkeit der Hauptfigur - und ihre daraus folgende moralische Verwirrung - ist der Faden, an dem die Autorin die Handlung mit ihren dramatischen Konsequenzen aufrollt. Dabei spart sie die Komplexität der kulturellen, politischen, religiösen und moralischen Umstände keineswegs aus. Sie zeigt, wie gefährlich gut gemeintes Eingreifen werden kann.
Sehr lesenswert, sehr erhellend und sehr packend erzählt! KP

496 Seiten
26€

RALF ROTHMANN. HOTEL DER SCHLAFLOSEN


Suhrkamp Verlag
 
Ralf Rothmann ist ein Solitär unter den deutschsprachigen Gegenwartsautoren. Jenseits von Short- und Longlisten schafft er ein Werk, das mich von Anfang an als Leserin begeistert hat. Da sind die Ruhrpott-, die Berlin- und schließlich die beiden zuletzt erschienenen Kriegsromane - allesamt großartig. Und in regelmäßigen Abständen erscheinen seine Erzählungen: Hotel der Schlaflosen - so heißt der jüngste Band. Wer jemals eine Erzählung von Ralf Rothmann gelesen hat, weiß, dass er diese Gattung auf ein Niveau hebt, das seinesgleichen in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur sucht. Man sollte sich hüten zu sagen, ein Roman wäre mir lieber. Sprachlich und dramaturgisch brillant und präzise, thematisch immer aufs Ganze gehend (Fear is a man‘s best friend), hat man als Leser das Gefühl, mit jeder Geschichte einen Kurzroman zu lesen. Tief bewegt und nachdenklich bleibt man nach der Lektüre zurück und wird diese Geschichten nicht mehr ganz los. Die Erzählrahmen und Figuren sind vielfältig, und doch scheint in allem etwas zutiefst allgemein Menschliches auf. Ralf Rothmann versteht nicht nur sein Handwerk, sondern begeistert durch Empathie und Einfühlungsvermögen. Hier weiß einer, dass Literatur und Leben eins sind, und hier weiß einer, wann welches Wort wo stehen muß und wann es keines weiteren mehr bedarf. Herausragend! sg
 
200 Seiten
€ 22,-

Peter Schneider. Vivaldi und seine Töchter


Verlag Kiepenheuer & Witsch

Schon als Schüler, selbst Geige spielend, war Peter Schneider fasziniert von Vivaldis Musik. „Vivaldi und seine Töchter“ ist sein Erinnerungsbuch für den Kameramann und Freund Michael Ballhaus, dessen Plan, Vivaldis Töne filmisch in Bilder zu bannen, ihm  nicht mehr gelang. Vor allem aber ist es das spannende Porträt des Menschen Vivaldi, zerrissen zwischen seinen kirchlichen Pflichten als Priester und seiner musikalischen Berufung und Leidenschaft.
Vivaldis zentrale Wirkungsstätte in Venedig war das „Ospedale della Pietà“, ein auch in der damaligen Zeit besonderes Waisenhaus, wo er mit den musikalisch begabten Schülerinnen als Lehrer und Dirigent arbeitete. Viele der Kantaten, Sonaten und Konzerte komponierte er für „seine Töchter“ - nicht nur für die Geige, die er selbst virtuos spielte, sondern auch für damals wenig beachtete Instrumente, z.B. die Trompete. Unter seiner Leitung wurden Mädchenchor und -orchester berühmt, um sie zu hören, reisten aus ganz Europa Fürsten und Musikbegeisterte nach Venedig. Ohne sich in folkloristisch/voyeuristische Schilderungen zu verirren, gelingt es Peter Schneider, die Balance zu finden zwischen der biographischen Erzählung und der sorgfältig recherchierten Beschreibung des venezianischen Lebens zu Beginn des 18. Jh., den Machtansprüchen von Kirche und Serenissima und den harten Bedingungen musikalischen Schaffens der Zeit.Peter Schneider hat einen spannenden Roman geschrieben, im Zentrum immer Vivaldi und seine Musik, über die er mit großem musikalischem, anregendem Wissen schreibt, ein Vergnügen zu lesen und Lust machend, Vivaldis Musik wieder zu hören. rg

288 Seiten
€ 20,00

Gabriele Tergit. Effingers

Schöffling Verlag

Am Beginn des großen Epochenromans „Effingers“ der Schriftstellerin und Gerichtsreporterin Gabriele Tergit steht ein Brief. Es ist das Jahr 1878 und der siebzehnjährige Paul Effinger schreibt an seine Eltern in der süddeutschen Provinz vom großen Aufschwung. Er berichtet von seinen Erlebnissen als Arbeiter in der rheinländischen Industrie. Später geht er nach Berlin, wird Fabrikant, produziert die Effinger-Motoren und heiratet in die großbürgerliche Familie Oppner ein. Es ist die neue Zeit und der „Fortschritt“ die Losung der Stunde!
Am Ende des Romans schreibt der nun einundachtzigjährige Paul Effinger an seine Enkel, wünscht ihnen dass sie alle Schrecken überstehen mögen. Es ist das Jahr 1942, er wartet auf seine Deportation. Seine Fabrik ist nun ein Rüstungskonzern der Nazis.
Zwischen diesen beiden Briefen entfalten sich siebzig Jahre deutscher Geschichte von der Kaiserzeit, über den ersten Weltkrieg und Weimarer Republik bis zum Aufstieg der NSDAP und dem 2. Weltkrieg. Die Mitglieder der jüdischen Familien Oppner, Goldschmidt und Effinger bilden das Figurenarsenal, ihre Verwobenheit die immerwährende Konstellation des Romans. In ihnen spiegeln sich die kulturellen, sozialen und ökonomischen Verhältnisse wie auch die Denkgebäude der Zeit.
Paul Effinger ist ein rechtschaffener Kaufmann, den Idealen von Sparsamkeit und Ehrlichkeit verpflichtet. Sein Schwiegervater hatte noch in der Revolution 1848 gekämpft. Seine Tochter Lotte und seine Nichte Marianne hören Vorträge in den Frauenverbänden und sehen sich dem Sozialismus und später dem Zionismus nah.

Tergits Epos gleicht einer Drehbühne mit offenen erzählerischen Räumen, in denen jedes Schicksal seinen Platz bekommt. Tergit setzt harte Schnitte, komponiert schnelle Dialoge. Doch die Momente des Lebens – das sonntägliche Familienessen, das erste Verliebtsein, die pompöse Heirat, der Abschied von einem geliebten Menschen – werden bewahrt, vor allem in den konkreten Dingen: in Interieur, Kleidung, Accessoires, Architektur, Speisen, Kunst, dem Berliner Stadtbild.
Nichts ist hier bloße Kulisse. Es ist eine versunkene Welt, die vor dem lesenden Auge wieder auflebt und am Ende doch in Schutt und Asche liegt. Es ist ein großes Verdienst des Schöffling Verlages dieses Stück jüdisch-deutscher Geschichte – gespiegelt in eindrucksvoller Literatur – wieder erlesbar gemacht zu haben. tw

904 Seiten
€ 28,00

Ab September 2020 im Tachenbuch für € 14,00

DEEPA ANAPPARA. DIE DETEKTIVE VOM BHOOT-BASAR

Rowohlt Verlag
 
Aus dem Englischen von pociao und Roberto de Hollanda

 
Der kleine Jai aus dem Basti* neben der großen Stadt ist leidenschaftlicher Fan bekannter Fernsehermittler. Daher wundert es nicht, dass er beschließt, der Sache auf den Grund zu gehen, die seine Nachbarschaft in Atem hält: Nach und nach verschwinden mehrere Kinder im Basti spurlos. Die Polizei bleibt unbeteiligt (und kassiert lieber Hafta* und Goldkettchen), die Hindu-Samah* nutzt die Vorfälle und hetzt gegen die muslimische Bevölkerung, die kleinen Leute wagen den Aufstand nicht, weil sie befürchten, dass die Regierung, der ihr Basti ohnehin ein Dorn im Auge ist, ihre Hütten niederbulldozert.
Mit seiner schlauen Freundin Pari und seinem muslimischen Freund Faiz streift Jai auf der Suche nach Spuren durch den riesigen, verschlungenen Bhoot-Basar. Gemeinsam mit dem liebenswerten Suchtrupp spähen wir in die ärmlichen, beengten Hütten, träumen von der HiFi-Welt, die sich hinter der stinkenden Müllkippe, auf der man N°1 und N°2 verrichten kann, glitzernd in den Himmel reckt, fahren mit der Purple Line in die große Stadt und lernen allerlei indisches Leben kennen.
Gezuckerte Fenchelsamen, Mangopulver, mit Kardamom bestrichene Süßkartoffeln, Samosas und Biryani ziehen sich durch den Text, aber auch Elend, Schmutz, Korruption und dichter Smog. Bis zum Schluss scheint vieles möglich, bis, ja, bis Runu-Didi verschwindet, Jais Schwester.
Ein durch und durch sympathisches Buch, dessen Autorin und Übersetzern es auf wundervolle Weise gelingt, uns eine wirklich fremde Welt näher zu bringen. Die erzählerische und stimmungsvolle Leichtigkeit ist umso bemerkenswerter, wenn man weiß, dass der Roman einen schrecklich wahren Hintergrund hat.
Wir sagen okay-tata-bye* und wünschen dir viel Glück, kleiner Jai! NC
 
* Mehr davon? Dann empfehlen wir das nützliche Glossar auf den letzten Seiten des Buches!
 
400 Seiten
€ 24,-

Davide Longo. Die jungen Bestien

Rowohlt Verlag

 

Vincenzo Arcadipane, piemontesischer Kommissar mit Potenzproblemen und unkontrollierbaren Weinkrämpfen, wird zu einem Massengrab gerufen, das auf der Neubaustrecke des Schnellzugs entdeckt wurde, doch wird er des Falls schneller enthoben als er ein Lakritzbonbon lutschen kann. Kurzerhand werden die Skelette als Kriegsopfer deklariert und sämtliche Beweisstücke eingezogen. Arcadipane ist skeptisch und wendet sich an seinen alten Chef Bramard, der aus der italinischen Geschichte heraus eigene Ideen zu den Hintergründen hat.

Als junger Polizist wurde er in den bleiernen Jahren der 1970er und 1980er in die politische Abteilung berufen und muss sich nun erneut mit den Zusammenhängen und Auswirkungen dieser Zeit auseinandersetzen, die bis in die Gegenwart reichen. Gemeinsam mit einer kalt gestellten jungen Kollegin schaffen Arcadipane und Bramard es, etwas Licht in die Geschichte zu bringen. Den politischen Verwicklungen stehen die privaten Probleme der Männer gegenüber, die von den Frauenfiguren mit Witz, Muße und Skurrilität konfrontiert werden.

Der Roman spielt auf zwei Zeitebenen und experimentiert mit den Leseerwartungen, indem er beispielsweise mehrere Prologe einschiebt. Dennoch ist man sogleich im Geschehen, da Davide Longo so eindringlich erzählt, dass man direkt auf der ersten Seite mit dem Kommissar und seinem Team im Regen steht und einem die Nässe durch die Kleidung dringt.

Zudem ist der Roman eine interessante Annährung an die jüngere, noch immer nicht aufgeklärte, Geschichte Italiens.

410 Seiten
€ 22,-

RONYA OTHMANN. DIE SOMMER

Hanser Verlag
 
Jedes Jahr im Sommer besucht Leyla ihre Großeltern in einem Dorf in Nordsyrien. Wie ihr Vater sind sie kurdische Jesiden. Das Dorf liegt nahe der türkischen Grenze. Die Dorfbewohner sind der Grenzpolizei ausgesetzt, ihrer Willkür und militärischen Präsenz. Leyla fühlt sich jeden Sommer wie eine Prinzessin auf Staatsbesuch. In ihren sauberen Kleidern klebt nach wenigen Stunden der ewige Staub der nordsyrischen Felder. Sie kennt die Schlaglöcher des Dorfes nicht und verliert dadurch bei jedem Kinderspiel, bei dem es ums schnelle Davonkommen geht. Leyla lebt eigentlich in Süddeutschland und durchläuft dort eine normale Mittelschichtsskindheit und -jugend. Doch die Familiengeschichte, die vor allem die Fluchtgeschichte des Vaters ist, kann und darf sie nicht loslassen, weil sie fester Teil ihrer Existenz ist. Der Vater verließ das kleine Grenzdorf, weil er sich weigerte als Spion zu arbeiten. Es folgte: Flucht, Gefangennahme, Folter. Dann Freikommen und Ankommen, das Gründen einer Familie in Deutschland. Doch der Vater ist gebrochen, sitzt Tag und Nacht vor dem Fernseher. Als 2014 der IS Tausende Jesiden tötet und verfolgt, fasst Leyla einen Entschluss.
Ronya Othmanns Roman ist ein Zeugnis von Krieg und Flucht, gleichzeitig eine Erzählung die diese Ereignisse innerhalb des Organismus einer Familie eindringlich beleuchtet. Eine innige Liebe verbindet Leyla mit der Großmutter. In kleinen intensiven Szenen lebt diese Verbindung auf, wird eingefangen in der Bewältigung des kärglichen Alltags im Dorf. Leylas Ohnmacht den politischen Zuständen gegenüber, ihre Entfremdung vom geliebten Vater sowie persönliche Autonomiebestrebungen – all das ist in einem scheinbar nur beschreibenden Ton erzählt. Doch sind es gerade die Schlupflöcher in der Lakonie durch welche das lesende Auge ins bewegte Innenleben der Figuren blickt. Dass der Roman ohne Ironie und vorgeschobenen Subjektivismus auskommt – das macht ihn zu einem bemerkenswerten Romandebüt der jungen deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Tristan Wagner
 
288 Seiten
€ 22,-

BEN LERNER. DIE TOPEKA SCHULE

Suhrkamp Verlag

Aus dem amerikanischen Englisch von Nikolaus Stingl

Zu Beginn des Romans sitzt Adam Gordon, ein redegewandter Highschool-Absolvent, eigentlich romantisch, mit seiner Freundin in einem Boot, hält ihr eine Rede und merkt nicht, wie sie ihm buchstäblich entgleitet. Sie verlässt das Boot und schwimmt an Land, was ihm erst auffällt, als er seinen Vortrag beendet hat und dessen Wirkung auf sie sehen möchte. Fast empört macht er sich auf die Suche nach ihr, zu guter Letzt auch noch im falschen Haus, ein Umstand, der ihm erschreckend spät auffällt, nämlich auf der Toilette im unvertraut wirkenden Badezimmer ihres vermeintlichen Zuhauses.

Dies ist eine gewitzte Einführung in eines der Hauptthemen dieses Romans – die Sprache. Hier als ungeeignetes Mittel männlicher Selbstprofilierung, in späteren Kapiteln als Mittel der Gewalt, der Verständigung und der politischen Rhetorik, die Inhalte nebensächlich werden lässt.

Ben Lerner, Sohn der bekannten feministischen Psychotherapeutin Harriet Lerner und vor allem als Lyriker bekannt, zeichnet in seinem dritten autofiktionalen Roman mit viel Selbstironie ein Bild der weißen US-amerikanischen Mittel- und Oberschicht in den 1990er Jahren, die er als Wegbereiter für die heutige politische Situation in den USA ausmacht. Zugleich erzählt er eine berührende Familiengeschichte, die Hoffnung auf positive Veränderungen erlaubt und bleibt sich dabei stets bewusst, dass er nur für einen bestimmten, privilegierten Teil der Gesellschaft sprechen kann, dem er selbst entstammt. Und das ist nur ein Aspekt dieses spannenden Buches, das man gerne gleich nochmal lesen würde und über das man sich unbedingt mit anderen austauschen möchte. Sehr lesenswert. Christine Mathioszek

395 Seiten
€ 24,-

ANDREAS SCHÄFER. DAS GARTENZIMMER

Dumont Verlag
 
Ob eine Seele ein Haus hat – wer kann das wissen. Dass ein Haus eine Seele haben muss, leuchtet spätestens nach der Lektüre des Gartenzimmers ein.
Der Neoklassizismus haucht der Villa Rosen ihren Geist ein, später toben die eiskalten Stürme von Nationalsozialismus und Krieg durchs Gebälk, legen sich und frischen wieder auf, sodass dem jüngsten Bewohner des Hauses noch 50 Jahre später angst und bange wird. Aber die zugige Schönheit hat Charme und ist nicht undankbar. Ihrem Erbauer, dem jungen Architekten Max Taubert, bringt sie späten Ruhm, den Namensgebern, Adam und Elsa Rosen, ist sie lange ein sicheres Heim und bietet dem Philosophen Ruhe, der Dame von Gesellschaft eine Bühne. Eben das suchen in den Neunzigerjahren auch Hannah und Frieder Lekebusch mit Sohn Luis, die sich für das vor sich hin modernde Haus beinahe ruinieren, mit Erfolg: Sie erwecken die am Fluss der Zeit dösende geheimnisvolle Dahlemer Schöne wieder zum Leben. Aber mit dem Leben kehrt auch die Geschichte des Gartenzimmers zurück, und den jungen Luis schaudert es oft. Ein Brief aus dem Archiv des Architekten erklärt einiges – Luis fühlt sich beobachtet von Tausenden toten Kinderaugen. »In diesem Haus hat die Vergangenheit keinen Ort. Sie vergeht nicht. Alles ist immer da. Gegenwärtig.«
Andreas Schäfer erzählt so eindringlich und anschaulich, dass man das Romanhafte bisweilen ausblendet und den Architekten nachschlägt. Rezensenten beschäftigten sich bereits mit der Frage, wer dem Roman Porträt saß. Mies van der Rohe? Sein Landhaus Riehl in Potsdam? Sicher ist, dass man sich gleich auf den Weg machen möchte, das Haus zu suchen. Denkmalgeschütztes Kleinod der Vormoderne. 280 m², 8 Zimmer, Baujahr 1909. Forststeig 4, Berlin-Dahlem, vielleicht gibt es die Villa ja doch. Norma Cassau
 
352 Seiten
€ 22,-

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