Romane
ROMAIN GARY. EUROPÄISCHE ERZIEHUNG
Aus dem Französischen von Birgit Kirberg
Wagenbach Verlag
Die Erdhöhle, die Jan, genannt Janek, und sein Vater Doktor Twardowski im Wald um Vilnius herum ausheben, misst 3 x 4 Meter, dazu Säcke mit Kartoffeln als Überlebensvorrat für den Winter und eine von einer Sprengung übriggebliebene Waggontür mit Zweigen darauf als Tarnung. »Nimm dich in Acht vor den Menschen«, gibt der Doktor seinem Sohn warnend mit, und »zeig niemals dein Versteck.«
Es ist der Winter 42/43, als der Doktor auf diese Weise versucht, seinen letzten Sohn zu retten. Kurz zuvor war Litauen, vielsprachiger Schmelztiegel von Polen, Russen, Juden und anderen, der UdSSR einverleibt worden, Moskau ließ 35 000 Polen nach Sibirien deportieren, und bis 1944 werden, dann unter deutscher Besatzung, über 100 000 Juden ihr Leben verlieren.
Der Überlebenswille treibt nicht Wenige als Partisanen in die Wälder, auch Janek schließt sich einer Gruppe an, als er begreift, dass seinem Vater etwas zugestoßen sein muss.
Die wenigen Monate im Wald, zwischen Hoffnung und Verzweiflung, Kälte, Krankheit, Liebe und Hunger – auch Kulturhunger – machen im Zeitraffer aus dem Jungen einen Mann. Zwischen der Hoffnung auf Freiheit, Würde und Brüderlichkeit einerseits und der Erziehung zum Töten andererseits spielt sich die »Europäische Erziehung« ab, und Janek ist ihr exemplarischer Schüler.
Das fesselnde Erstlingswerk Romain Garys, selbst gebürtig aus Vilnius, Jude, Kriegsflieger, Diplomat. Ein erzählerisch ungewöhnliches, nachdenklich stimmendes, außerordentliches Stück Literatur. Norma Cassau
224 Seiten
24€
KAMEL DAOUD. HURIS
Aus dem Französischen von Holger Fock und Sabine Müller
Matthes & Seitz Berlin
Stimme und Sprache sind nicht dasselbe. Welche Sprache vermag man zu sprechen, wenn einem mit fünf Jahren von Terroristen in einer versuchten Hinrichtung die Stimmbänder mit einer scharfen Klinge durchtrennt wurden und die Schwester neben einem verblutete, während man sich selbst tot stellte? Wenn man zwar gerettet wurde, innerlich aber tot scheint und darüber schweigen soll, denn das ist das Gebot in Algerien - bis heute. Kamel Daoud, mittlerweile exilierter, algerischer Journalist und Schriftsteller, rollt dem Verbot zum Trotz vor den Lesenden die Geschichte Aubes aus. Der Roman erzählt in den drei Teilen „Stimme“, „das Labyrinth“ und „Messer“ auf den Fersen einer jungen schwangeren Überlebenden, die sich im Verlangen nach Aufklärung an den gefährlichsten Ort wagt, den ihrer Erinnerung. Dabei durchstreifen wir Algerien in seinem vielleicht dunkelsten Kapitel, den Jahren zwischen 1990-2000, in dem das Volk Zeuge blutiger Hinrichtungen gläubiger Mörder wurde. Aube zweifelt ihr Leben nicht nur an, sondern seziert ihr Empfinden bis an die Grenzen des Sagbaren und Spürbaren, getrieben durch die Stärke des ungeborenen Lebens. Man betritt ein sprachliches Spiegelkabinett mit virtuos angeordneten Momenten und Begegnungen. Im Exil wurde Kamel Daoud für seine literarische Exzellenz mit dem Prix Goncourt 2024 geehrt. Nora Buchweitz
398 Seiten
28€
DOROTHEE ELMIGER. DIE HOLLÄNDERINNEN
Hanser Verlag
Eine Autorin folgt den Spuren des Verschwundenen.
Das passiert auf mehreren (Erzähl-)Ebenen in Dorothee Elmigers Die Holländerinnen. Die namenlose Protagonistin hält eine Vorlesung darüber, wie sie auf den Wunsch eines exzentrischen Theatermachers hin mit ihm und seinem Team in den mittelamerikanischen Urwald reist. Ziel ist es, gemeinsam ein Stück über die dort verschwundenen und titelgebenden Holländerinnen zu erarbeiten. Hierbei bezieht sich Elmiger auf ein tatsächliches Ereignis der vermissten jungen Frauen, verfällt aber nie ins True-Crime-Genre. Nicht auf die Auflösung des Falls kommt es an, viel eher auf das Verheddern mit Figuren und ihren Geschichten in einem wachsenden Textdickicht. Dieses ist verzweigt in Handlungsebenen und -einschüben, durchwachsen von Verweisen. Neben dem Verschwinden bilden sich übergreifende und ineinander verschlungene Themen und Motive heraus. Darunter Kolonialismus, Mensch und Natur, das Schreiben selbst, Machtmissbrauch und Lebensrealitäten von Frauen. Figuren und Begriffe aus Medien, Kulturwissenschaft und Philosophie verflechten sich mit denen aus der Fiktion Elmigers. Der Roman schafft eine Welt, in der der Wahrheitsgehalt und abgeschlossene Erzählungen immer unwichtiger erscheinen. Hier können uns die Spuren der verschwundenen Holländerinnen nie an ein Ziel führen und trotzdem lassen wir uns von ihnen mitreißen, tiefer in den Dschungel. Lilly Beyer
160 Seiten
23€
USAMA AL SHAHMANI. IN DER TIEFE DES TIGRIS SCHLÄFT EIN LIED
Limmat Verlag
«Es war unter der alten Brücke [...] Die Wellen des Tigris höre ich noch immer wie das Lied, das über diese Wellen getragen wurde.»
So poetisch das Bild anmutet, so ernst ist der Hintergrund dieses berührenden und kraftvollen Buches. In seinem in zentralen Motiven autobiografischen Roman schafft es der seit 2002 im Schweizer Exil lebende erfolgreiche Autor Usama Al Shahmani, die komplexe und dramatische Geschichte der über Jahrtausende im Irak ansässigen Juden in knappen und ruhigen Schilderungen und Dialogen aufzufächern. Die Rahmenhandlung ist schnell wiedergegeben: Nach fast dreißig Jahren im Schweizer Exil schafft Gadi es knapp ans Sterbebett seines ihm eigentlich fremden Vaters Zakai nach Jerusalem. Alles ist bereits testamentarisch geregelt. Verse von Pessoa auf dem Grabstein, der letzte Wunsch, einen Teil der Asche in der irakischen Heimat in Bagdad unter der alten Ahrar Brücke zu verstreuen. Gadis überraschendes Erbe ist eine Ledertasche mit einem Konvolut aus Notizen, Briefen und Tagebuch-Aufzeichnungen des 1934 geborenen Vaters. Damit beginnt die reale Reise in die irakische Vergangenheit: Die Stimmen des Vaters und Großvaters schildern das kosmopolitische Nebeneinander der Religionen, Pogrome und die grausame Vertreibung der jüdischen Bevölkerung mit Hilfe der Nationalsozialisten. Europa und Naher Osten sind durch das Gift des Antisemitismus unrühmlich verbunden.
Al Shahmanis Buch lässt die leidvollen Auswüchse auch für die Zukunft nicht vergessen. Er „erzählt“ und bewahrt beharrlich die Einzigartigkeit und Kostbarkeit jedes einzelnen Menschen. Malcah Castillo
224 Seiten
26€
SIMONE WEIL. DIE ILIAS, ODER DAS GEDICHT VON DER GEWALT
Aus dem Französischen und mit einem Essay von Wolfgang Matz
Matthes & Seitz Verlag Berlin
24 Bücher und tausende Verse, die von 51 Schlachttagen berichten, umfasst das älteste überlieferte Werk der europäischen Literatur, Homers Ilias, knapp fünfzig schmale Druckseiten der ihm gewidmete Essay der französischen Philosophin Simone Weil (1909–1943) in der neuen Übersetzung von Wolfgang Matz. Er konzentriert sich auf die Untersuchung einer zentralen Komponente des altgriechischen Epos: seine Darstellung von Gewalt. Mit dutzenden, von Weil wörtlich übertragenen Stellen belegt er dabei eindrücklich ihre These, dass die alte Dichtung weniger von Göttern und Helden erzählt als von der „Natur der Gewalt“, die vor Troja eine schreckliche, alles „innere Leben“ auslöschende Herrschaft angetreten hat. Obwohl es keinerlei Bezüge auf das europäische Zeitgeschehen in ihrer 1938/39 verfassten Homer-Untersuchung gibt, beschäftigte Weil damals – Matz weist in seinem Kommentar darauf hin – vor allem eine Frage: Was hat ein unbedingter Pazifismus Hitlerdeutschlands unbedingtem Kriegswillen entgegenzusetzen? „Lieben und gerecht sein ist nur möglich, wenn man die Herrschaft der Gewalt erkennt und wenn man versteht, sie nicht zu respektieren.“ Was für den Dichter der Ilias einst, in Weils Deutung, eine schonungslose, völlig unheroische, „bittere“ Darstellung des Kriegsgeschehens bedeutete – und für sie selbst schließlich die Abkehr vom „verbrecherischen Irrtum“ des Pazifismus. Maximilian Pötzsch
102 Seiten
12€
ASTA SIGURARDÓTTIR. STREICHHÖLZER
Aus dem Isländischen von Tina Flecken
Guggolz Verlag
Was für eine Entdeckung! Es gibt ein Island vor den funktionsjackenbewandeten Touristenströmen, die heute die Insel heimsuchen, und jenseits aller Geysir-Romantik, dunkel-nebligen Fjord-Krimis und Mittelaltersagen. Zu verdanken ist die Entdeckung dem kleinen Guggolz Verlag, der Übersetzerin und vor allem natürlich der Autorin, die so unerhört ungeschliffen, rau, unerschrocken und zugleich zärtlich schreibt. Allzu viel ist über Asta Sigurardóttir (1930-1971) nicht zu erfahren. Sie starb mit kaum einundvierzig Jahren, brachte fünf oder mehr Kinder zur Welt und hinterließ ein kleines feines Werk. Ihre Lebensumstände müssen zeitlebens überaus prekär gewesen sein und von starkem Alkoholismus geprägt. Mitunter wird sie etwas euphemistisch als Islands erste „Bohémienne“ bezeichnet, wohl aufgrund der Tatsache, dass ihr eigenes Leben mindestens ebenso unkonventionell war wie das ihrer Protagonistinnen. Bürgerliche Konventionen und Moralvorstellungen im Island der Nachkriegszeit werden in Sigurardóttirs Erzählungen ausgehebelt: „Die Arbeitgeber musterten forschend meinen Bauch und spähten nach einem Ring an meinem Finger. Daraufhin schaute ich ebenfalls auf ihre Bäuche, die mir umfangreicher vorkamen als meiner. Ringe an den Fingern hatten sie auch – viele Ringe.“ Frauenfiguren, die wie das Urbild der Heiligen und der Hure daherkommen, tief verzweifelte junge Männer, gequälte Seelen und gequälte Körper – Sigurardóttir leiht ihnen ihre Stimme. Keine erbauliche Lektüre, aber eine verblüffende: Die Erzählungen wirken mutig und modern bis heute. Norma Cassau
221 Seiten
24 €
CHRISTOPH RANSMAYR. EGAL WOHIN, BABY. MIKROROMANE
S. Fischer Verlag
Ausgehend von flüchtigen Fotografien - das Wort Schnappschüsse trifft es genauer - der Autor spricht von „optischen Notizen“ - verwandelt Christoph Ransmayr Bilder, die von Erlebnissen, Eindrücken, Augenblicken und Erinnerungen eines Menschen erzählen, der viel gereist ist und immerzu unterwegs war in der Welt und dadurch eine „absolute Allergie gegen jede Form dogmatischen Denkens“ entwickelt hat, in Kleinstgeschichten, er nennt sie Mikroromane, die in ihrer Dichte, Schönheit und sprachlichen Präzision von der „Poesie des Alltags“ erzählen und weit darüber hinaus weisen. Egal, wohin uns der Dichter mitnimmt: Mexiko, Griechenland, Südpazifik, Cork oder Kongo, es sind sprachmächtige, eindrückliche Beschreibungen, die die Welt und das menschliche Dasein zur Sprache bringen. „Bemerkenswert dabei, in welchem chaotischen Wirbel sich Bilder und Erzählungen gelegentlich aneinander fügten“, das gilt auch für Schönheit und Schrecken. Die Welt und das Leben sind eben immer auch beides. „Komm! ins Offene, Freund!“ schallt es aus jedem dieser Mikroromane - wenn das kein Trost der Literatur in diesen Zeiten ist!
Silke Grundmann-Schleicher
256 Seiten
28 €
Alice Berend. Frau Hempels Tochter
Reclam Verlag
Die Schriftstellerin Alice Berend war in den 1910er und 20er Jahren sehr erfolgreich und wurde hoch gelobt – bis 1933 ihre Bücher verbrannt wurden. Nun ist ihr Roman „Frau Hempels Tochter“ in einer besonders schönen Ausgabe bei Reclam neu aufgelegt worden. Die Geschichte handelt von der Familie Hempel, die Hausverwalterin eines Mietshauses mitten in Berlin ist, in dem verschiedene Milieus aufeinandertreffen. Die Tochter Laura hat wenig Chancen, gut zu heiraten. Genau das wünscht sich Mutter Hempel für sie – eine bessere Zukunft und legt darum über die Zeit Geld beiseite. Laura, die als Kindermädchen für das Neugeborene der Vermieter arbeitet, verguckt sich vom Fenster aus in einen jungen Mann, den verarmten Graf von Prillberg: Eine leise Liebesgeschichte nimmt ihren Lauf. Frau Hempel lässt währenddessen die Idee eines Häuschens außerhalb Berlins nicht los, und so schafft die Familie es hinaus aus der lauten Stadt ins Grüne, wo sie Pächter einer Badeanstalt wird. Auch der Graf kommt zu Besuch, aber nicht nur er macht Laura den Hof …
Eine wirklich empfehlenswertes Buch voller Witz und Herzenswärme, zugleich Berlinroman, Familien- und Liebesgeschichte. Ein Buch wie ein erster Frühlingstag. Johanna Hummelt
200 Seiten
22 €
Pascal Garnier im Septime Verlag
ZU NAH AM ABGRUND
139 S. 20,-€
DIE INSEL
161 S., 22,-€
Aus dem Französischen von Felix Mayer
Septime Verlag
In Frankreich seit den 1990er Jahren bekannt und fast schon ein Klassiker des roman noir, liegt Pascal Garniers Werk nun endlich in deutscher Übersetzung vor.
Als Folie für die gelangweilten, dahintreibenden Figuren und ihre Abgründe dient dem Autor die etwas eintönige französische Provinz. Die Charaktere suchen die Veränderung nicht, ergreifen aber dennoch vermeintlich gute Gelegenheiten, aus ihrem Alltag auszubrechen.
In Zu nah am Abgrund gibt die bürgerliche, scheinbar in sich ruhende Mittsechzigerin Éliette, die nach dem Tod ihres Mannes in das Ferienhaus in der Ardèche gezogen ist, alles, um ein spätes Glück mit dem Kleinganoven Étienne zu leben, auch wenn es das eine oder andere Opfer kostet.
Noch finsterer wird es in dem Roman Die Insel, in dem der obdachlose und vorzeitig gekündigte Weihnachtsmann Roland das Festessen bei dem blinden Rodolphe, seiner Schwester Jeanne und ihrer Jugendliebe Olivier in Versailles nicht überlebt. Die drei verbliebenen Gastgeber haben nicht nur ein Problem damit, die Leiche zu entsorgen, sondern auch, einander zu trauen, da nicht klar ist, wer den Mord begangen hat.
Die schmalen Bändchen haben es in sich. Kunstvoll und mit einer ordentlichen Prise schwarzem Humor erschafft Garnier aus einer scheinbar friedlichen eine immer düsterer werdende Welt in der Tradition von Simenons psychologischen Romanen. Christine Mathioszek
Mieko Kanai. Leichter Schwindel
Aus dem Japanischen von Ursula Graefe
Suhrkamp Verlag
Natsumi, Ende dreißig, lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern in einer Neubauwohnung am Rande Tokios. Sie ist nicht mehr berufstätig und fühlt sich in ihrem ereignislosen Hausfrauenleben gefangen. Zwar maßlos stolz auf ihre neue Wohnung, die sie ganz nach dem Vorbild der Hochglanzzeitschriften eingerichtet hat, entspricht das neue Zuhause dennoch nicht ganz ihren Vorstellungen.
Natsumi spürt die Begrenztheit ihres Hausfrauendaseins, sie langweilt sich, fühlt sich einsam und traurig, leidet an der Mittelmäßigkeit ihres Daseins, inklusive Ehemann.
In manchen Momenten ihrer alltäglichen Pflichten lässt Natsumi ein leichter Schwindel innehalten. Etwas für sie nicht Fassbares will an die Oberfläche ihres Bewusstseins, eine tiefsitzende Angst vor Auflösung droht sie zu überwältigen. Doch der Moment dauert nur kurz, dann gleitet sie weiter durch ihren monotonen Tag. Hat sie nicht von ihrer Mutter verinnerlicht, Glück bedeute Mittelmaß und Ereignislosigkeit?
Es gibt keine dramatischen Ereignisse in diesem Roman, keine Katastrophe und keine Scheidung. Mieko Kanai will das Alltägliche, das Unspektakuläre sichtbar machen. Es ist der schleichende Prozess einer Zersetzung, erzählt mit kühler Distanz und präziser Sprache.
Die Autorin hat damit den Nerv einer ganzen Generation getroffen. Es ist ein soziales Porträt einer noch immer von starken patriarchalischen Strukturen bestimmten Gesellschaft. Bereits 1997 in Japan erschienen, wurde ‚Leichter Schwindel‘ zum Kultbuch weiblichen Schreibens. Nun ist es auch auf deutsch erschienen und eine literarische Entdeckung. Sibylle Schulze-Berge
174 Seiten
23 €
Serhij Zhadan. Chronik des eigenen Atems. 50 und 1 Gedicht
Aus dem Ukrainischen von Claudia Dathe
Suhrkamp Verlag
„Der Weg hier ist markiert von Stimmlosigkeit“, heißt es in einem Vers. An der Grenze einer dröhnenden Stille bewegen sich Serhij Zhadans neue Gedichte, Meldegänger des Lebens. Chronikartig aufgezeichnet vor und nach dem 24. Februar 2022 in und um die ukrainische Metropole Charkiw, klafft in ihrer Mitte eine Zäsur von vier Monaten, in denen Zhadan – Lyriker, Erzähler, Übersetzer, Sänger - als freiwilliger Helfer und Hilfsorganisator zwar nicht schwieg, in denen aber für ihn an Literatur nicht zu denken war. Diese Mitte, Tage und Wochen von Beschuss und Zerstörung, aber auch einer großen Solidarität unter den in der Stadt Verbliebenen, dichterisch zu bezeugen, das heißt, ohne Leere und Tod, mit denen der Feind um sich schlägt, um Wörter zu vermehren, erweist sich zunehmend als Thema und Aufgabe der 51 so behutsamen wie entschiedenen Gedichte. Der ständig drohenden, auch geistigen Vernichtung vermögen sie eine Sprache, Leben entgegenzusetzen. „Vielleicht sollte ich genau jetzt beginnen. // Sosehr ich mir auch sage, dass nicht die Zeit ist, / dass ich Worte nicht unbedacht aussprechen sollte, / die nicht richtig in der Stimme liegen, / die nicht in den Büchern des vergangenen Lebens stehen.“ - Im Frühling werden auch neue Geschichten von Zhadan erscheinen. Titel: „Keiner wird um etwas bitten“. Maximilian Pötzsch
124 Seiten
20 €
UWE JOHNSON
UWE JOHNSON. JAHRESTAGE. AUS DEM LEBEN VON GESINE CRESSPAHL
Ungekürzte Lesung mit Charly Hübner und Caren Miosga
DAV Deutscher Audioverlag, 73h und 53 Minuten
60 €
CHARLY HÜBNER
„ WENN DU WÜSSTEST, WAS ICH WEISS...“
DER AUTOR MEINES LEBENS
Suhrkamp Verlag, 125 Seiten
20€
Wie sehr die Jahrestage laut gelesen sein wollen, das wusste Uwe Johnson. „Ich habe das Buch so geschrieben, als würden die Leute es so langsam lesen, wie ich es geschrieben habe… Ein Jahr habe ich Dir gegeben. So unser Vertrag. Nun beschreibe das Jahr.“ Keine Angst: Sie brauchen kein Jahr, obwohl, diese zeitliche Korrelation hätte etwas. Dass es einmal zu dieser so wunderbaren Einlesung kommen würde - 40 Jahre nach Fertigstellung des vierten und letzten Bandes - er wäre einverstanden gewesen.
Wer, wenn nicht Charly Hübner, selbst Mecklenburger, und großer, bekennender Johnson-Fan (das Buch über Johnson lohnt sich vorab zu lesen, um in den Kosmos einzudringen), hätte es denn sonst machen und vor allem so machen können.
Und dann setzt es an, dieses unfassbarste aller großen Werke des 20. Jahrhunderts, eine weltumspannende Familiensaga, beginnend in den 30er Jahren an der mecklenburgischen Ostsee, hinein und hinüber bis ins New York der 1960er. Was macht ihn aus, diesen Roman? Genauigkeit, Ernsthaftigkeit, Aufrichtigkeit, Humor, Wissen, Menschlichkeit und eine Geschichte von einem unglaublich „politisch-historisch-aufklärerischem Rang“. Sein Deutsch ist wunderbar irritierend rhythmisch und sehr eigenständig, komplex und überaus empfindsam gleichermaßen. Sein Umgang mit Zeit und Erinnerung meisterhaft. All das ist diese Hörbuchfassung ebenfalls - meisterhaft und preisgekrönt! sg

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