Romane

MARTINA WEINLAND. BIS BALD, MEINE FREUNDE! DIE KÜNSTLERIN JEANNE MAMMEN
BeBra Verlag
Ku’damm 29, eine hochherrschaftliche Adresse: Luxusboutiquen, vornehmste, teuerste Geschäftsadressen. Aber im Hinterhaus, 4. Stock - kein Fahrstuhl - eine wahrlich bezaubernde Atelierwohnung, in der seit 1920 bis zu ihrem Tode im Jahr 1976 die beeindruckende, mutige, zur (Brief)-Freundschaft geborene Berliner Malerin Jeanne Mammen arbeitete, wohnte, lebte und überlebte - wie durch ein Wunder wurde das Haus im Krieg nicht zerstört. Alles steht an seinem Platz, (fast) alles ist erhalten, der Ort eine kleine Zeitkapsel. Zweimal im Monat können Sie die „Zauberbude“, wie Mammen ihre Wohnung bezeichnete, über die Stiftung Stadtmuseum besichtigen - Anmeldung erforderlich. Mammens Briefe, anhand derer uns Martina Weinland das unglaubliche Leben dieser starken Künstlerin erzählt, sind ein großes Zeugnis Berliner Kultur- und Kunstgeschichte vor und nach dem Zweiten Weltkrieg. Unbedingt lesen und hingehen! Sg
295 Seiten
30€

ELIAS HIRSCHL. SCHLEIFEN
Paul Zsolnay Verlag
Ein Roman über zwei der wichtigsten Personen der Geschichte: Autorin/Literaturwissenschaftlerin/Sektenführerin Franziska Denk und ihr langjähriger Freund/Mathematiker/Autor Otto Mandl. Elias Hirschls Schleifen erzählt ihr Leben und Werk vom frühen 20. Jahrhundert bis in das Jahr 2026 und darüber hinaus. Beide verbindet das Ziel, eine neue, universelle Sprache zu finden, beziehungsweise zu erfinden und später Sprache komplett zu stoppen. Schafft Sprache Realität oder andersherum? Wie passt Semiotik in die Mathematik? Diesen Fragen nähert sich der Roman keineswegs trocken, sondern spielt mit formalen Eigenschaften, Perspektiven und Metaebenen. Textarten wechseln von Essay zu Manifest zu Protokoll der päpstlichen Konklave. Hirschl vermischt Fakt mit Fiktion, reichert reale Geschichte mit zahlreichen erdachten Biografien an. Figuren entwickeln sich von buchstäblichen Fußnoten zu Hauptcharakteren. Währenddessen brodeln im Hintergrund Probleme wie Zeitinflation, apokalyptische Sekten oder Semantostatika (Medikamente, die Begriffe und somit das, was sie bezeichnen, gänzlich auslöschen). Die Welt der Schleifen fühlt sich gerade wegen ihrer Absurditäten lebendig und tief an und doch wird nie das ganze Geheimnis um Franziska Denk gelüftet. lb
416 Seiten
26€

RACHEL KHONG. REAL AMERICANS
Aus dem amerikanischen Englisch von Tobias Schnettler
Kiepenheuer & Witsch
Rachel Khongs "Real Americans" ist ein vielschichtiger, klug komponierter Familienroman, der zugleich als präzise Diagnose des amerikanischen Selbstverständnisses gelesen werden kann. Im Zentrum steht eine Familie, deren Lebenswege sich zwischen wissenschaftlichem Ehrgeiz, ökonomischer Macht und kultureller Entwurzelung kreuzen. Was als eine klassische Aufstiegserzählung beginnt, entfaltet sich als vielschichtiges Geflecht aus Identität, Ehrgeiz und moralischen Grauzonen. Besonders eindrucksvoll ist, wie Khong nicht nur große Diskurse – Genetik, soziale Mobilität, Migrationserfahrung – in atmosphärisch dichte Szenen überführt, sondern durch Perspektivwechsel und Zeitsprünge souverän die subtilen Mechanismen in den zwischenmenschlichen Beziehungen kartiert. Khongs Prosa zeigt dabei Eleganz, ist von präziser Beobachtungsgabe und einem feinen Gespür für die komplexen Zwischentöne in einer meritokratischen Gesellschaft. "Real Americans" ist damit mehr als ein Zeitroman. Er stellt die beunruhigende Frage, wie frei wir eigentlich wirklich sind in einer Gesellschaft, die Leistung idealisiert, aber Selbstbestimmung durch Machtmittel wie Herkunft, Klasse und Privilegien verunmöglicht. be
528 Seiten
24€

BARBARA HONIGMANN. MISCHKA
Hanser Verlag
»Eigentlich war es kein Kreis, eher ein Kosmos, ein Universum, das mich in meiner Kindheit und Jugend umstrahlte, umschloss und beschränkte mit seinen vielförmigen, mäandernden, ineinandergreifenden oder parallelen, in späteren Jahren auch auseinanderstrebenden Bahnen.« So lautet der erste Satz aus »Mischka«, der zugleich programmatisch für Honigmanns Erzählweise ist. Denn anders als in mäandernden, ineinandergreifenden oder parallelen Erzählspuren sind die verworrenen, komplizierten Leben der Menschen, die Honigmann hier porträtiert, nicht auf Papier zu bannen. Es sind Persönlichkeiten aus ihrem erweiterten familiären Umfeld, Freunde der Eltern in der DDR oder der Sowjetunion, Remigranten aus dem westlichen Exil oder Menschen, denen Honigmann nach ihrer eigenen Ausreise aus der DDR und ihrer Übersiedelung nach Straßburg, wo sie bis heute lebt, wieder begegnet. Das umfassendste der drei Porträts ist Mischka aus Moskau gewidmet, eigentlich Wilhelmine Hermannova Slawudskaja aus Riga, Jüdin, Kommunistin, vielsprachig, während der »Großen Säuberung« verhaftet, verbannt, Jahrzehnte später zurückgekehrt.Die Porträts stehen für drei Generationen jüdischen Lebens und für die Suche nach jüdischem Leben und einer Identität nach der Schoa. So komprimiert Honigmann auch schreibt, so tief folgen wir ihr in diese Welten, und es drängt sich bei der Lektüre nahezu auf, anderes endlich oder wieder nachzulesen: etwa Wsewolod Meyerholds Theaterleben oder Jewgenia Ginsburgs Gulag-Bericht »Marschroute eines Lebens«, ebenso die Werke von Lew Kopelew oder Alexander Solschenizyn. »Mischka« ist ein ebenso persönliches wie aufschlussreiches Buch – und große Geschichte in einem schmalen Bändchen. nc
112 Seiten
22€

E.M.FORSTER. DIE LÄNGSTE REISE
Aus dem Englischen übersetzt, mit einem Nachwort und Anmerkungen versehen von Niklas Fischer
Verlag Nagel und Kimche
Mit Die längste Reise (Originaltitel: The Longest Journey) schuf E. M. Forster 1907 einen seiner persönlichsten und zugleich unterschätztesten Romane. Bereits in diesem frühem Werk ist die große Meisterschaft des späteren Forster zu erkennen: Zwischen empfindsamer Charakterstudie, Gesellschaftskritik und Bildungsroman entfaltet sich eine Geschichte, die weniger von äußeren Abenteuern als von inneren Kämpfen lebt.
Im Mittelpunkt steht Rickie Elliot, ein sensibler junger Mann, der während des Studiums in Cambridge von Idealen, Literatur und geistiger Freiheit träumt. Doch das Leben führt ihn nicht zum Dasein als erfolgreicher Autor, sondern in eine konventionelle Ehe und einen bürgerlichen Alltag als Lehrer, der ihn zunehmend entfremdet. Forsters Sprache ist fein, ironisch und zugleich von großer emotionaler Zartheit, er zeichnet seine Figuren mit psychologischer Präzision. Ein Lesegenuss! hd
432 Seiten
24€

STEFAN HENTZ. MILES DAVIS. SOUND EINES LEBENS
LEBEN UND WERK EINER JAZZLEGENDE – MIT FOTOS AUS DER BERÜHMTEN FOTOSERIE 'A DAY IN THE LIFE OF MILES DAVIS' VON GLEN GRAIG
Reclam Verlag
Am 26. Mai diesen Jahres wäre Miles Davis 100 Jahre alt geworden. Der Musikkritiker und Jazzexperte Stefan Hentz widmet ihm eine neue Biografie. Gleich zu Beginn formuliert der Autor die Hoffnung, sein Buch sei “mehr als eine weitere Wiederholung von Altbekanntem“. Dies gelingt ihm durch einen neuen, geschärften Blick auf den Künstler, der frei ist von Floskeln und Klischees. Die durch sorgfältig gewählte Fotografien illustrierte, klug geschriebene Biografie nimmt sowohl Miles Davis' Musik in den Fokus als auch die Entwicklung seiner Persönlichkeit, die durch politische und sozialökonomische Aspekte des Musikerberufes geprägt wurde. Alle künstlerischen Schaffensphasen des Jahrhundertmusikers werden beleuchtet, auch seine in einschlägiger Literatur zu wenig gewürdigte Musik der 80er Jahre. Somit wird diese Einführung ins Leben und Werk auch für langjährige Fans und Kenner interessant. yo
383 Seiten
32€

Georgi Gospodinov. Der Gärtner und der Tod
Aus dem Bulgarischen von Alexander Sitzmann
Aufbau Verlag
Dies ist eine Vater-Sohn-Geschichte - „kein Buch über den Tod,“ wie der Autor selbst sagt, „sondern ein Buch über die Sehnsucht nach dem Leben. Das ist ein Unterschied.“
Es klingt an mit einem der allerschönsten ersten Sätzen:„Mein Vater war Gärtner. Jetzt ist er ein Garten.“
So beginnt Georgi Gospodinov über Leben und Sterben seines Vaters zu erzählen. Aber er wäre nicht einer der großartigsten Autoren Europas, würde er sich darauf beschränken. Dieser Satz ist die Essenz des Buches und er vereinigt alles, was uns dieses Buch mitgibt: das Nachdenken über das was war, warum einiges unwiederbringlich geht und anderes über den Tod hinaus bleibt. Das Sinnieren über Werden und Vergehen, die Kraft der Natur, das Überleben in Geschichten und wie man seinen Gefühlen über die Arbeit in einem Garten Ausdruck verleiht.
„Gartenarbeit und Tod. Mir scheint, wir können davon ausgehen, dass die Gartenarbeit ursprünglich gegen den Tod gerichtet ist.“
Dieses Buch ist zart, kraftvoll, poetisch, traurig, beseelt, voller Witz und Wärme und auf eine vollkommen beglückende Art trostspendend. Silke Grundmann-Schleicher
240 Seiten
24 €

ROMAIN GARY. EUROPÄISCHE ERZIEHUNG
Aus dem Französischen von Birgit Kirberg
Wagenbach Verlag
Die Erdhöhle, die Jan, genannt Janek, und sein Vater Doktor Twardowski im Wald um Vilnius herum ausheben, misst 3 x 4 Meter, dazu Säcke mit Kartoffeln als Überlebensvorrat für den Winter und eine von einer Sprengung übriggebliebene Waggontür mit Zweigen darauf als Tarnung. »Nimm dich in Acht vor den Menschen«, gibt der Doktor seinem Sohn warnend mit, und »zeig niemals dein Versteck.«
Es ist der Winter 42/43, als der Doktor auf diese Weise versucht, seinen letzten Sohn zu retten. Kurz zuvor war Litauen, vielsprachiger Schmelztiegel von Polen, Russen, Juden und anderen, der UdSSR einverleibt worden, Moskau ließ 35 000 Polen nach Sibirien deportieren, und bis 1944 werden, dann unter deutscher Besatzung, über 100 000 Juden ihr Leben verlieren.
Der Überlebenswille treibt nicht Wenige als Partisanen in die Wälder, auch Janek schließt sich einer Gruppe an, als er begreift, dass seinem Vater etwas zugestoßen sein muss.
Die wenigen Monate im Wald, zwischen Hoffnung und Verzweiflung, Kälte, Krankheit, Liebe und Hunger – auch Kulturhunger – machen im Zeitraffer aus dem Jungen einen Mann. Zwischen der Hoffnung auf Freiheit, Würde und Brüderlichkeit einerseits und der Erziehung zum Töten andererseits spielt sich die »Europäische Erziehung« ab, und Janek ist ihr exemplarischer Schüler.
Das fesselnde Erstlingswerk Romain Garys, selbst gebürtig aus Vilnius, Jude, Kriegsflieger, Diplomat. Ein erzählerisch ungewöhnliches, nachdenklich stimmendes, außerordentliches Stück Literatur. Norma Cassau
224 Seiten
24€

KAMEL DAOUD. HURIS
Aus dem Französischen von Holger Fock und Sabine Müller
Matthes & Seitz Berlin
Stimme und Sprache sind nicht dasselbe. Welche Sprache vermag man zu sprechen, wenn einem mit fünf Jahren von Terroristen in einer versuchten Hinrichtung die Stimmbänder mit einer scharfen Klinge durchtrennt wurden und die Schwester neben einem verblutete, während man sich selbst tot stellte? Wenn man zwar gerettet wurde, innerlich aber tot scheint und darüber schweigen soll, denn das ist das Gebot in Algerien - bis heute. Kamel Daoud, mittlerweile exilierter, algerischer Journalist und Schriftsteller, rollt dem Verbot zum Trotz vor den Lesenden die Geschichte Aubes aus. Der Roman erzählt in den drei Teilen „Stimme“, „das Labyrinth“ und „Messer“ auf den Fersen einer jungen schwangeren Überlebenden, die sich im Verlangen nach Aufklärung an den gefährlichsten Ort wagt, den ihrer Erinnerung. Dabei durchstreifen wir Algerien in seinem vielleicht dunkelsten Kapitel, den Jahren zwischen 1990-2000, in dem das Volk Zeuge blutiger Hinrichtungen gläubiger Mörder wurde. Aube zweifelt ihr Leben nicht nur an, sondern seziert ihr Empfinden bis an die Grenzen des Sagbaren und Spürbaren, getrieben durch die Stärke des ungeborenen Lebens. Man betritt ein sprachliches Spiegelkabinett mit virtuos angeordneten Momenten und Begegnungen. Im Exil wurde Kamel Daoud für seine literarische Exzellenz mit dem Prix Goncourt 2024 geehrt. Nora Buchweitz
398 Seiten
28€

DOROTHEE ELMIGER. DIE HOLLÄNDERINNEN
Hanser Verlag
Eine Autorin folgt den Spuren des Verschwundenen.
Das passiert auf mehreren (Erzähl-)Ebenen in Dorothee Elmigers Die Holländerinnen. Die namenlose Protagonistin hält eine Vorlesung darüber, wie sie auf den Wunsch eines exzentrischen Theatermachers hin mit ihm und seinem Team in den mittelamerikanischen Urwald reist. Ziel ist es, gemeinsam ein Stück über die dort verschwundenen und titelgebenden Holländerinnen zu erarbeiten. Hierbei bezieht sich Elmiger auf ein tatsächliches Ereignis der vermissten jungen Frauen, verfällt aber nie ins True-Crime-Genre. Nicht auf die Auflösung des Falls kommt es an, viel eher auf das Verheddern mit Figuren und ihren Geschichten in einem wachsenden Textdickicht. Dieses ist verzweigt in Handlungsebenen und -einschüben, durchwachsen von Verweisen. Neben dem Verschwinden bilden sich übergreifende und ineinander verschlungene Themen und Motive heraus. Darunter Kolonialismus, Mensch und Natur, das Schreiben selbst, Machtmissbrauch und Lebensrealitäten von Frauen. Figuren und Begriffe aus Medien, Kulturwissenschaft und Philosophie verflechten sich mit denen aus der Fiktion Elmigers. Der Roman schafft eine Welt, in der der Wahrheitsgehalt und abgeschlossene Erzählungen immer unwichtiger erscheinen. Hier können uns die Spuren der verschwundenen Holländerinnen nie an ein Ziel führen und trotzdem lassen wir uns von ihnen mitreißen, tiefer in den Dschungel. Lilly Beyer
160 Seiten
23€

USAMA AL SHAHMANI. IN DER TIEFE DES TIGRIS SCHLÄFT EIN LIED
Limmat Verlag
«Es war unter der alten Brücke [...] Die Wellen des Tigris höre ich noch immer wie das Lied, das über diese Wellen getragen wurde.»
So poetisch das Bild anmutet, so ernst ist der Hintergrund dieses berührenden und kraftvollen Buches. In seinem in zentralen Motiven autobiografischen Roman schafft es der seit 2002 im Schweizer Exil lebende erfolgreiche Autor Usama Al Shahmani, die komplexe und dramatische Geschichte der über Jahrtausende im Irak ansässigen Juden in knappen und ruhigen Schilderungen und Dialogen aufzufächern. Die Rahmenhandlung ist schnell wiedergegeben: Nach fast dreißig Jahren im Schweizer Exil schafft Gadi es knapp ans Sterbebett seines ihm eigentlich fremden Vaters Zakai nach Jerusalem. Alles ist bereits testamentarisch geregelt. Verse von Pessoa auf dem Grabstein, der letzte Wunsch, einen Teil der Asche in der irakischen Heimat in Bagdad unter der alten Ahrar Brücke zu verstreuen. Gadis überraschendes Erbe ist eine Ledertasche mit einem Konvolut aus Notizen, Briefen und Tagebuch-Aufzeichnungen des 1934 geborenen Vaters. Damit beginnt die reale Reise in die irakische Vergangenheit: Die Stimmen des Vaters und Großvaters schildern das kosmopolitische Nebeneinander der Religionen, Pogrome und die grausame Vertreibung der jüdischen Bevölkerung mit Hilfe der Nationalsozialisten. Europa und Naher Osten sind durch das Gift des Antisemitismus unrühmlich verbunden.
Al Shahmanis Buch lässt die leidvollen Auswüchse auch für die Zukunft nicht vergessen. Er „erzählt“ und bewahrt beharrlich die Einzigartigkeit und Kostbarkeit jedes einzelnen Menschen. Malcah Castillo
224 Seiten
26€

SIMONE WEIL. DIE ILIAS, ODER DAS GEDICHT VON DER GEWALT
Aus dem Französischen und mit einem Essay von Wolfgang Matz
Matthes & Seitz Verlag Berlin
24 Bücher und tausende Verse, die von 51 Schlachttagen berichten, umfasst das älteste überlieferte Werk der europäischen Literatur, Homers Ilias, knapp fünfzig schmale Druckseiten der ihm gewidmete Essay der französischen Philosophin Simone Weil (1909–1943) in der neuen Übersetzung von Wolfgang Matz. Er konzentriert sich auf die Untersuchung einer zentralen Komponente des altgriechischen Epos: seine Darstellung von Gewalt. Mit dutzenden, von Weil wörtlich übertragenen Stellen belegt er dabei eindrücklich ihre These, dass die alte Dichtung weniger von Göttern und Helden erzählt als von der „Natur der Gewalt“, die vor Troja eine schreckliche, alles „innere Leben“ auslöschende Herrschaft angetreten hat. Obwohl es keinerlei Bezüge auf das europäische Zeitgeschehen in ihrer 1938/39 verfassten Homer-Untersuchung gibt, beschäftigte Weil damals – Matz weist in seinem Kommentar darauf hin – vor allem eine Frage: Was hat ein unbedingter Pazifismus Hitlerdeutschlands unbedingtem Kriegswillen entgegenzusetzen? „Lieben und gerecht sein ist nur möglich, wenn man die Herrschaft der Gewalt erkennt und wenn man versteht, sie nicht zu respektieren.“ Was für den Dichter der Ilias einst, in Weils Deutung, eine schonungslose, völlig unheroische, „bittere“ Darstellung des Kriegsgeschehens bedeutete – und für sie selbst schließlich die Abkehr vom „verbrecherischen Irrtum“ des Pazifismus. Maximilian Pötzsch
102 Seiten
12€

Die Buchhandlung
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