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Bücherbriefe

Hans Magnus Enzensberger. Leichte Gedichte

In Bilder gesetzt von Jan Peter Tripp
Insel Verlag

Enzensberger starb am 24.11.2022, die Berichte über seine unnachahmlich-heitere „Trauer-Feier“ haben viele Menschen erfreut. Verzeihlich also, wenn die lesende Freundschaft häufig statt „Leichte“, „Letzte“ Gedichte gelesen hat. Vielleicht sind sie es ja. Sie sind am 23. März, ein gutes Vierteljahr nach seinem Tode erschienen. Hat er sie selbst (noch) zusammengestellt? Der Verlag sagt nichts … auch nichts zu Jan Peter Tripp. Vorwort, Nachwort wären freundlich gewesen. Die Gedichte sind in ihrer weisheitlich-knittelnden Eleganz, ihrer poetischen Seel-Sorge, ihrer unernsten Larmoyanz der Nächstenliebe, ihrer sorglos zerknitterten Klugheit einfach nur eins: liebenswert, leicht und exzellent dazu.Er ist Jahrgang 1929, ein schönes Alter für leichte und letzte Gedichte. Was man nicht vergessen sollte: Er flog aus der Hitler-Jugend, weil er ein „Querulant“ war und darüber hinaus trotzig. Für heute ein kurzer Abschied: „Schwamm drüber. Wenn das alles ist, was du auf dem Herzen hast – na wenn schon! Im Bad findest du einen Schwamm. Sogar die Mathematiker greifen zu ihm und zur Kreide vor der Tafel mit ihren Gleichungen und löschen alles, was sie stört, weil es voller Fehler ist.“
Mit der Publikationen „Transatlantik“, „Museum der modernen Poesie“ und vor allem dem „Kursbuch“ geradezu programmatisch zur Wahrnehmung weltweiter Literatur auffordernd (und ermöglichend!), überschritt er die Grenzen der bundesrepublikanischen „Heimat“, arbeitete sich nicht ab in den Provinzen des Herkommens. Ein Dublin wie Joyce, ein Yoknapatawpha wie Faulkner, ein Danzig wie Grass, ein Lübeck wie Mann, ein New York wie Dos Passos, ein Alexanderplatz wie Döblin hatte Enzensberger nicht, „Heimat“, in welchem Sinne auch immer, hatte er nicht.

Helmut Ruppel

88 Seiten
14.00 €

Dorothee König. „Du wirst noch an mich denken“ Liebeserklärung an eine schwierige Mutter

dtv Verlag, München

Die „schwierige“ Mutter der Erzählerin ist Barbara von Dohnanyi; sie ist Tochter von Christine und Hans von Dohnanyi; Christine ist die Schwester Dietrich Bonhoeffers, der mit seinen „Grunewald-Gefährten“ Hans von Dohnanyi, Gerhard Leibholz, Justus Delbrück und seinem Bruder Klaus in dunklen Zeiten für das gute Deutschland stand. Sie waren Freunde im konspirativen Widerstand gegen Hitler und den deutschen Unrechtsstaat. Anders als bei Altaras und Bergmann geht es um eine hochgespannte Familiengeschichte, um Generationen. Dankenswerterweise gibt es dazu am Buchende einen Überblick über einige Personen. Geht es aber um Generationen, geht es um den Anspruch der Deutungsmacht, die Aufrechterhaltung und Weitergabe sozialer Formen („Nein, der Pfarrer wird euch nicht konfirmieren!“), in die sich oft Züge von Überheblichkeit einnisten können, wenn es um die gesellschaftlichen Zusammenhänge geht, wenn jemand dem „geistigen Anspruch nicht genügt.“ Davon gibt es im Buch bedrückende Beispiele. Erziehung wird zur planmäßigen Sozialisation in die eigene Generationenfolge. Das große Wirkungserlebnis im Generationenzusammenhang ist der „Widerstand“ - die Mutter der Erzählerin musste als 16jährige die Verhaftung ihrer Eltern mitansehen und mit 18 Jahren die Hinrichtung ihres Vaters verarbeiten. Dazu sagt man heute „Trauma“ - doch welche Gestalt nimmt ein solches Trauma im Leben der nächsten Generation an? Was bewirken weitergegebene Traumata? „Du wirst noch an mich denken“, der Untertitel des Buches ist vieldeutig: „Einmal wirst du mich verstehen!“, „Einmal wirst du deine heutige Sicht ändern!“, „Werde erst einmal so alt wie ich!“, „Was wisst ihr denn über mein Leben!“ Die Abgrenzungen zu nachfolgenden Generationen sind immer schmerzlich. Aber die Enkelin der ethisch-politisch hochaufragenden Großeltern will von dieser Bedeutsamkeit nicht erdrückt werden! Von der Unnahbarkeit, der Emotionsferne, den fühlbaren Distanzen, nicht im eigenen Leben behindert werden. „Über Gefühle zu sprechen war verpönt!“, resümiert sie bitter. Ob sich hier ein Spalt auftut zu höchst unterschiedlichen emotionalen Identitäten im jüdischen und protestantischen Lebensverständnis? Zwischen der „unbekümmert-eigensinnigen Tante und der verschlossen-schwierigen Mutter“? „Ich wollte meine Mutter besser verstehen!“, lautet ihr leitendes Motiv zum Buch. Diese konfliktreiche „Liebeserklärung an eine schwierige Mutter“ kann durchaus zu einem Identifikationsbuch der „Nachgeborenen“ werden. Haben das andere Kinder auch erlebt? Dorothee Röhrig erzählt im Interview vom „Muttertag“: „Ich erinnere mich gut an die gelben Gartenstühle, um die wir Ketten aus Gänseblümchen drapierten, weil wir in der Schule erfahren hatten, dass man das zum Muttertag so macht.Wir waren so stolz! Und dann diese Abfuhr: „Wisst ihr, Muttertag gab es bei den Nazis“, hörten wir, „Der wird bei uns nicht gefeiert.“ Bei „uns“ gab es keinen Petticoat, keine lackierten Nägel, nicht den kleinsten Knutschfleck … Ach, wären es nur diese Kleinigkeiten … Aber es gab immer den 5. April, an dem 1945 die Großelten verhaftet wurden und sich zum letzten Mal sahen, an dem der Großonkel Dietrich Bonhoeffer von der Gestapo im Haus seiner Eltern im Eichkamp abgeholt wurde, es gab den 9. April, an dem der Großvater erhängt und der Großenkel im KZ Flossenbürg ermordet wurde ...
Ein Buch der erarbeiteten Versöhnung der Generationen. Erstaunlich, nach 1945 hatten nicht die Jungen, sondern die Alten ihre Chance, ob sie Adenauer oder, nicht ganz so alt, Ulbricht hießen, Angehörige der Weimarer Generation. Sie musste verantwortet werden, im Großen wie im Familiären, zum Beispiel zwischen Müttern, Tanten und Töchtern ...

Helmut Ruppel

254 Seiten
24.00 €

Amy B. Greenfield. Ein Fall für Katzendetektiv Ra. Das verschwundene Amulett

Hanser Verlag Berlin

Ra, die Katze des Pharaos, und ihr bester Freund, der Skarabäus Käfer Khepri, müssen den Diebstahl eines kostbaren Amuletts aufklären. Ein junges Dienstmädchen wird beschuldigt, das Amulett gestohlen zu haben. Doch Ra und Khepri glauben fest daran, dass eine andere Person es getan hat. Nur wer? Um auf die Antwort dieser Frage zu kommen, müssen Ra und Khepri viele Tiere im großen Palast des Pharaos ausführlich befragen. Dabei erfahren sie viel über Ägypten, die Pyramiden und die Pharaonen. Dabei bleibt das Buch – und das fand ich gut – bis zum Ende sehr spannend! Es ist das erste in einer Reihe, das nächste heißt „Katzendetektiv Ra und der große Grabraub“. Will ich auch lesen! Altersvorschlag: Von 8 – 88! Und dann noch: Die Aufklärungsquote ist 100 %!
Benjamin

256 Seiten
14.00 €

Fridolin Schley. Die Verteidigung. Roman

Verlag Hanser Berlin

Im stimmenstarken Chor all derer, die, kritisch beeindruckt, zustimmend bis aufgewühlt, in jedem Falle herausgefordert, das neue Porträt der Familie von Weizsäcker in dem Buch von Fridolin Schley gelesen haben, weist keine Stimme auf Enzensbergers „Hammerstein oder Der Eigensinn“ (2008) hin, was aus vielen Gründen nahe gelegen hätte: Deutsche Familiengeschichte in Generationen, hohe Repräsentanzaufgaben in Regierung und Militär, Distanz und Nähe zum NS und Zweiten Weltkrieg, Folgegeschichte BRD – eine Fülle höchst kontrastiver, aufregender Parallelen. „Hammerstein“ erlebte heftige Abfuhren von der Historiker-Zunft (Götz Aly wütete dawider). Es mag sein, dass Fridolin Schley deswegen für seine Arbeit Roman als Genrebezeichnung nahm, während Enzensberger für Hammerstein „Eine deutsche Geschichte“ gewählt hatte; denn eine Geschichte war es, eine deutsche Geschichte auch... Das Urteil Hammersteins über die Deutschen im NS, 98 Prozent seien „eben besoffen“, wird kaum zu seiner Beliebtheit beigetragen haben. Anders bei den von Weizsäckers, wo ein Untertitel wie „ Der Eigensinn“ undenkbar wäre, greift doch Schley oft zu dem Bild „Er lavierte“. Der Verteidiger Hellmut Becker bedrängte von Weizsäcker, er solle bei der Urteilsverkündigung Überlegenheit zeigen, nicht Überheblichkeit, das führt uns mitten ins Problem, dem sich der Roman von Fridolin Schley widmet: Das - in seinem Schutzverhalten dem Vater gegenüber - so verstörende Selbstbild des Sohnes, das so schwer nachzuvollziehende Verhalten des Vaters. „The United States of America vs. Ernst von Weizsäcker et.al.“ heißt 1946 der Prozess offiziell, er wird auch „Wilhelmstraßenprozess“ und intern “Omnibusprozess“ genannt, weil hinter „et.al.“ bis zu 20 Personen standen. Hellmut Becker hatte als Beistand in die „Verteidigung“ einen Sohn des Angeklagten, Richard von Weizsäcker, hinzugenommen. Es geht also nicht um Schach wie in „Lushins Verteidigung“ (Nabokov), sondern um den Nachfolgeprozess zum Nürnberger Prozess von 1945. Seit der Apologie des Sokrates von Platon ist der Prozess das Ideal der öffentlichen Wahrheitsfindung. Die (untauglichen) Versuche, einen „Prozess Jesu“ zu rekonstruieren, der „Auschwitzprozess“ (Peter Weiss), nicht zuletzt die „12 Geschworenen“ (Lumet/Fonda) als Glanzstück Hollywoods, zeigen das Drama der Wahrheitssuche als anhaltend aktuell; genial aufgenommen von Franz Kafka, einmal im „Prozess“ und einmal im „Brief an den Vater.“ Schley wollte seinen Text erst „Befragung“ nennen, doch die innere wie äußere Dramatik der Geschichte reichte weiter, dazu war die geistige Situation Deutschlands in den ersten Nachkriegsjahren zu aufregend, ihr prägendes Personal zu bestimmend: Die Herren Wurm, Dibelius und Heuss stützen von Weizsäcker, Margret Boveri schreibt, Robert Kempner klagt an, das Ausland stellt die Kameras auf und der Sohn hilft, den Vater zu verteidigen. Ernst von Weizsäcker, seine Person steht für die Existenzfrage jener Jahre: Widerstanden oder mitgemacht? Es geht um den ranghöchsten Diplomaten eines Unrechtsstaates... Was hat er gewusst, was hat er befördert, hat er mitgemacht? Eine Frage, in der „Deutschland“ sich selbst vor Gericht gestellt sah. „ Ich habe nichts mitgemacht, ich habe einen Total-Widerstand geleistet, insgesamt bis an den Rand meiner Möglichkeiten. Das nenne ich nicht mitgemacht.“ Damit ist der Nerv getroffen, damit ist der um Empathie bemühte und immer wieder befremdete Sohn Richard an jedem Prozesstag beschäftigt. Hier liegt die Stärke des Buches: Sich einfühlen in das Denken, Handeln und Nicht-Handeln, in die Sprache und das Schweigen des geliebten Vaters, sein quälend-unbegreiflicher Ausfall an Empathie in der Menschenfeindlichkeit der NS-Welt, die er als höchster Diplomat des „Reiches“ repräsentierte. Der Sohn leidet an dem so schwer nachvollziehbaren Selbstbild des Vaters, seiner schier unerträglich vernebelnden Diplomatensprache bis in das Labyrinth der nichts und alles aussagenden Mini-Kürzeln. Und da gibt es so viele tödliche Texte, die am Ende ein „W.“ tragen. Julia Encke spitzt es zu (FAZ): „Widerstand durch Mitmachen?“ Soll es das gewesen sein? Eine geniale Lösung, nur dass es einem die Kehle zuschnürt. Im biblischen Hebräisch gibt es nur ein Wort für Kehle und Seele. Widerstand durch Mitmachen! Die emsige Persilschein-Industrie lief an...
Schley erzählt knapp, verdichtet, diskret, fragend-tastend, mit großen Bögen ins „Heute“, setzt an zu atemberaubenden Porträtskizzen, unter denen Hellmut Becker (ab 2. Mai 1937 NSDAP-Mitglied), der in der späteren Bundesrepublik als Bildungspolitiker Karriere machte, am schärfsten gezeichnet ist. Sein Plädoyer gipfelte in den Worten: „Weizsäcker...ein Christ, ein Diplomat im besten Sinne des Wortes, ein wahrer Patriot“. Dass er Thomas Mann ausbürgern wollte, war Becker neben so vielem anderen irgendwie entgangen. Ein Glanzstück für jedes politikwissenschaftliche und historische Hauptseminar! Schleys Buch über Schuld und Unschuld, Opfer und Täter, Moral und Gewissen ist eine fragende Erkundung; sie beginnt mit dem biblischen Satz „Die Wahrheit wird euch frei machen.“ Dank Schleys Arbeit ist wieder darauf zu hoffen. Helmut Ruppel

269 Seiten
24 Euro

Osteuropa. Kardiogramm – Anamnese des Putinismus

Berliner Wissenschaftsverlag

Hier kann man viel lesen und lernen, wenn einem die putinisierten Autokorsos den Schlaf rauben oder der unvorstellbar hasserfüllte Angriff auf die ukrainische Zivilbevölkerung einen um den Verstand bringen will.
„Erinnerung als Waffe – Die Geschichtspolitik des Putin-Regimes“ von Andrej Kolesnikov eröffnet das Heft mit einem fulminanten Überblick zu den Anstrengungen des Propagandaapparates, das Trauma des Zerfalls zu bearbeiten. Der lange Jahre putinnahe, aber gleichbleibend putinkritische Autor (ob und wie er heute lebt?) hatte schon 2020 alle Begründungen für das kriegerische Putin-Regime parat. Viele weitere Analysen des Putinismus machen das Heft aus der Redaktion von Manfred Sapper (Berlin) zu einer unentbehrlichen Lektüre. Helmut Ruppel

216 Seiten
16 Euro

Dieses Heft ist bei uns per Mail  Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein. oder Telefon 030/8419020 bestellbar.

Catherine Belton. Putins Netz. Wie sich der KGB Russland zurückholte und dann den Westen ins Auge fasste

Übersetzt von Elisabeth Schmalen und Johanna Wais
Verlag Harper Collins

Galt Schlögels Buch schon als „Buch der Stunde“, so ist Beltons Band das „Buch des Augenblicks“.Backsteinschwer ersetzt es eine Bibliothek. Im Original heißt es „Putins People“, das deutsche „Netz“ verschärft zutreffend die Erkennbarkeit. Von den 704 Seiten sind rund 100 sehr kleingedruckte Anmerkungen. Die von mir gelesenen rund 300 Seiten für diesen Bücherbrief hinterlassen den Eindruck: Egon Erwin Kisch hat eine habilitierte Enkelin mit den Qualifikationen einer wissenschaftlichen Meisterspionin! „Wladimir – allein zu Haus“? Nein, da gibt es ein mafiöses Geflecht, dessen Porträts eine Eremitage der Macht benötigen! Und jetzt die Frage – den langen Tisch vor Augen - wo sind sie alle heute? Es beginnt klassisch mit einer Auflistung „Dramatis personae“, doch: weit gefehlt mit der Annahme, das seien nun alle - in die Hunderte gehen die Menschen, die das „Netz“ bilden, das diesen Staat trägt. Welche technische Elite trug das NS-Reich?
Viele von ihnen haben Catherine Belton bedroht, Prozesse gegen sie angezettelt, wollten sie mund-tot machen - bis heute ohne Erfolg, denn der Verlag stützt sie. Mit diesem Band hat er zugleich ein unvergleichliches Personalverzeichnis des russisches Machtnetzes. Und alle Lesenden auch! Einer gewiss: Karl Schlögel. Ihm verdanken wir immer wieder den Versuch, unseren Blick auf die „wehrhafte Zivilgesellschaft“ der Ukraine zu wenden und zugleich unsere Solidarität und Hilfsbereitschaft aufzurufen. Helmut Ruppel

704 Seiten
26 Euro

Joseph Roth. Rot und Weiss. Wanderer zwischen Städten

Mit einem Nachwort von Volker Breidecker
Die Andere Bibliothek

Es ist ein besonderer Band, denn er enthält die Fassung letzter Hand vom Text „Die weissen Städte“ (1925), die Schriften „Juden auf der Wanderschaft“ (1927) und „Das Autodafé des Geistes“ (1933), dazu ein außergewöhnlich sorgfältiges, hundert Seiten umfassendes Nachwort von Volker Breidecker, das eine lebhafte und erhellende Studie zu Roths Leben und Werk ist, „so klug wie kundig“, urteilt Klaus Nüchtern im Wiener „Falter“. Der sorgfältige Quellennachweis bestätigt die Qualität der Edition – man muss das erwähnen, weil Roth „ein Meister im Erzeugen von Legenden über sich selbst, im Legen falscher Fährten und im Verwischen der Spuren“ war. Und eine Anzahl historischer Fotografien! So ist man versucht, die Lektüre des „Nachworts“ vorzuziehen, weil es über Hintergrund, Kontext und Feinheiten der Schriften Roths sensibel aufklärt. Gerade angesichts der unendlichen Leichtvernebelungen seines Schreibens und seiner Existenz. Im Grunde sind es zwei Bücher, Roths Schriften und eine Werkbiographie Breideckers.
Roth ist darin ein Vor-Mund Schlögels, indem er in seinen Städtebildern vieles ahnungsvoll vorwegnimmt (Lemberg!), dem später Schlögels Interesse gilt! Roths Sprache enthält – Vorsicht! - viele Suchtstoffe, schreibt er nun über Galizien oder Südfrankreich. Die stilistische Eleganz, mit der er Avignon oder Lemberg beschreibt, ist verführerisch. Michael Maar meinte jüngst, seine Sprache sei „manchmal, ganz selten, nicht durch Ozeane getrennt vom Kitsch,“ unbestritten richtig! Selbst beim „Hiob“ (1930) trifft das zu ...
Wenn er über die „Juden auf Wanderschaft“ schreibt, kommt ihm ein Satz unter, der, kitschig oder biblisch, im Gedächtnis bleibt: „Es ist immer noch der Auszug aus Ägypten ... Man muss immer auf dem Sprung sein, alles mit sich führen, das Brot und eine Zwiebel in der Tasche, in der anderen die Gebetsriemen.“
Mit Joseph Roth und seinem Text über „Juden auf Wanderschaft“ durch die Ukraine zu gehen ist ein Weg zwischen Schmerzen und Klagen. Und doch – es muss sein! 1934 antwortete Roth auf eine diesbezügliche Umfrage, „dass der Dichter so wenig wie jeder andere ein Recht hat, keine Stellung zu nehmen zu der Unmenschlichkeit der Welt von heute.“ Und er führt aus, was ein Dichter zu tun hat: Mitgefühl für die Schwachen, Liebe zum Guten, Hass gegen das Böse, das auch laut und unzweideutig, also deutlich, zu verkünden.“ Deshalb wollen Menschen das Klassenzimmer im Gymnasium von Brody sehen. Und nachsinnen über den Satz: „You can take the boy out of Brody, but you can't take Brody out of the boy.“ Helmut Ruppel

322 Seiten
24 Euro

Iwan Bunin. Nachts auf dem Meer. Erzählungen 1920-1923

Band 10 der Gesamtausgabe
Aus dem Russischen von Dorothea Trottenberg und Swetlana Geier
Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Thomas Grob
Dörlemann Verlag

Das Russland, dem Bunin geistig der „Klassikergeneration“ von Tschechow und Tolstoi angehörte, schied sich von dem der Oktoberrevolution; Bunin mit seiner Lebensgefährtin Vera Muromzewa im Februar 1920 auf einem überfüllten Schiff von Odessa nach Konstantinopel, einer Route, einer wahrhaften „Lebensader“, die heute wieder wegen der Weizentransporte so unvorstellbar wichtig ist. Ende März, nach bedrohlichen Umwegen, erreichten sie das Zentrum der russischen Emigration – neben Berlin - Paris. Dort entstehen viele Erzählungen, die den Grundstein dafür legten, dass er 1933 als erster russischer Autor den Nobelpreises für Literatur erhielt.
Von den 28 Erzählungen sind 15 erstmals ins Deutsche übersetzt, von denen einige die Zerrissenheit des Dichters zwischen dem Exil und der verlorenen Heimat Russland zur Sprache bringen. Er gewinnt die Freiheit des Schreibens und muss den Schmerz über die aufgegebene, die verlassene, die vertraute Welt seiner Kindheit und Jugend aushalten. Auch Vladimir Nabokov erlebt diesen Bruch im nahen Berlin und hat ihn – wie auch immer - „bewältigt“; wie auch der jüngst hier vorgestellte Gaito Gasdanov („Schwarze Schwäne“), der als Taxifahrer in Paris, wie Nabokov als Tennislehrer in Berlin, sein Leben als Schriftsteller bestritt. Das wäre von vielen zu erzählen ...
Ein empathisches Nachwort des Herausgebers, weiterführende Anmerkungen der Übersetzerin, editorische Notizen machen auch diesen Band zu einem wohltuenden, sympathetischen Fund, wie überhaupt dem Dörlemann Verlag zu danken ist für seine sorgsame Achtgabe auf die Bunin-Gesamtausgabe. Der Titel entstammt den Erinnerungen an die noch eben geglückte Flucht-Fahrt aus Odessa. Den gegenwärtigen Odessa-Fernseh-Nachrichten vermag man nicht mehr zuzusehen. Wer Odessa zerbomben will, muss allen Sinn für diese Welt verloren haben! Bunin lesen – auch das kann zu starker Abhängigkeit führen ...
Helmut Ruppel

333 Seiten
36 Euro

Viktor Schklowski. ZOO – Briefe nicht über Liebe oder die zweite Heloise

Aus dem Russischen und mit einem Nachwort von Olga Radetzkaja und einem Essay von Marcel Beyer
Guggolz Verlag

Viktor Schklowski kam nach überstürzter Flucht über Finnland 1922 in Berlin an. Er kannte die „Szene“ der emigrierten Freunde und setzte auf die guten Verbindungen Maxim Gorkis in Bad Saarow, auf mögliche Mitarbeit in Projekten von Ilja Ehrenburg, Boris Pasternak und El Lissitzky in Berlin. Sturzbachartig schießt er in eine obsessive Liebe zu Elsa Triolet - selbstbewusste Freundin revolutionärer Geister, spätere Gefährtin von Louis Aragon in Paris - eine völlig aussichtslose Anstrengung, aus der aber für uns eine lebhafte Briefsammlung hervorgeht, Briefe eines Liebenden „an eine Frau, die für ihn keine Zeit hat.“ 1923 als Buch erschienen, mit Kürzungen und vielsagenden Auslassungen nachgedruckt, heute in der Originalfassung vor uns.
„Herzblatt, mein Guter. Schreib mir nichts von Liebe. Bitte nicht. Ich bin sehr müde. Ich liebe dich nicht und das wird auch so bleiben... Mach keine wilden Szenen am Telefon. Werde nicht rabiat. Ich brauche meine Freiheit, mir soll niemand auch nur Fragen stellen dürfen. Du gehörst in ein Sanatorium, mein Lieber. Ich schreibe im Bett, weil ich gestern tanzen war. Gleich steige ich in die Badewanne. Vielleicht sehen wir uns heute. Alja“ Er, Viktor, schreibt die Briefe Aljas gleich mit… es werden insgesamt 29 Briefe mit viel Berlin, Gewitter, linden Lüften, Theater, Bekenntnissen und in einer nie Ruhe findenden Sprache und wahren Bildexplosionen. Kenntnisreiche Anmerkungen, weit mehr als ein „Nachwort“, steuert Olga Radetzkaja (aus der Redaktion von „Osteuropa“) hinzu.
Schklowski ist mit Roman Jakobson in die Geschichte der russischen Literaturtheoerie und Linguistik eingegangen, hat Stalin überlebt, Nadeshda Mandelstam hat Gutes von ihm in Erinnerung, was Freundschaft betrifft, er hat viel publiziert – doch dieser Band ist ein einmalig verwirrendes Juwel! Olga Radetzkaja beginnt ihr Nachwort, das man vorher lesen sollte: „Also der Reihe nach, so weit das möglich ist.“ Es ist nicht möglich, es ist besser, sich sofort in die Liebe und das Berlin von 1923 stürzen. Dank an den Guggolz Verlag für die Erinnerung an Viktor Schklowskis Erstausgabe!
Helmut Ruppel

170 Seiten
22 Euro

Lea Ypi. Frei. Erwachsenwerden am Ende der Geschichte

Aus dem Englischen von Eva Bonné
Suhrkamp Verlag

„Die Menschen machen ihre Geschichte nicht aus freien Stücken, aber sie machen sie selbst“, dies Wort von Rosa Luxemburg eröffnet ein bewegendes Buch über Geschichte und Freiheit ohne eine nähere Bezeichnung wie Erinnerungen, Roman oder Fragen nach… Es ist eben ein unbeschreiblich warmherziges, menschenfreundliches, schönes und kluges Buch einer begnadet begabten Erzählerin!
Und wer spätestens jetzt die Hand hebt und ruft: „Es reicht! Es reicht!“, sollte rasch „Sternstunde Philosophie – 3Sat Kultur, Das Geheimnis der Freiheit“ im Internet einschalten: Wolfram Eilenberger („Feuer der Freiheit“, sitzt einer Frau gegenüber, die ihm, aufmerksam lächelnd, gespannt zuhörend, behutsam erwägend, ihren Begriff der Freiheit entfaltet, währenddessen er zusehends, soll man sagen „schmilzt“? Ihr Buch gehört zu jenen raren Exemplaren, bei denen man beim fortschreitenden Lesen mit Seufzen auf die verbleibenden Seiten blickt ...Gehörte die Ukraine schon zu den kaum beachteten Ländern Europas, weil die Verständnisinnigkeit, politisch mit Putin, literarisch mit Puschkin dominierte, so war Albanien nie im Blick Westeuropas – ein total abgeschottetes Land zwischen allen Blöcken. Dort wächst Lea Ypi in einer Familie auf, die absolut nicht repräsentativ für das sozialistische Albanien stand, auch wenn die Erzählerin elf Jahre ein glückliches und begabtes Kind dieser Welt war und liebevoll von Onkel Enver spricht. Die Erwachsenen blenden die politische Realität dem Kind gegenüber aus – sie ist zu gefährlich. Die Familie hat nur stark prägende Gestalten, allen voran die Großmutter, ihr ist auch das Buch gewidmet. Von den Eltern weiß das Kind: „Ganz allgemein war die Entschlossenheit meines Vaters, seine Meinung zu äußern, ebenso so groß wie die meiner Mutter, sie zu ignorieren.“ „Als mein Vater einmal vorschlug, eine historische Dokumentation über die Hungersnot in Bengalen zu schauen, sagte Mama: 'Zafo, ich weiß, was Hunger ist, ich muss das nicht im Fernsehen sehen.“
Es kommt der Umbruch, die Welt verwandelt sich: Aus der „Partei“ wird die „Zivilgesellschaft“, aus der „Selbstkritik“ die “Transparenz“, aus der Freiheit - die des Kollektivs - wird die des Individuums. Lea Ypi rechnet nicht mürrisch ab mit dem Gestern, sie erzählt humorvoll von unvergesslichen Personen in unvergesslichen Situationen, von denen die Umarmung Stalins (der steinernen Statue) zu Beginn des Buches zu den köstlichsten gehört. Viele der Rückblick-Bücher sind wehleidig, andere harmlos (große Ausnahme: Peter Richters „89/90“), nein: Lea Ypi ist zu klug, zu charmant, gedanklich viel zu elegant (ihre Großmutter kommt aus der Familie eines türkischen Paschas ...), um in diese Fallen zu gehen. Sie beginnt Philosophie zu studieren, um eine Verbindung von Kant und Marx zu denken – von der sie Wolfram Eilenberger im Gespräch mit bezauberndem Lächeln erzählt. Der arme Eilenberger ...
Helmut Ruppel

332 Seiten
28 Euro

Lena Gorelik. Wer wir sind

Rowohlt Verlag Hamburg

Sie hat den Literaturpreis „Text & Sprache“ vom Kulturkreis der deutschen Wirtschaft verliehen bekommen (SZ am 16. Juni). In der Begründung heißt es, sie sei mit ihrer Familie „als russisch-jüdischer Kontingentflüchtling“ eingewandert und musste sich „schreibend mit ihrer doppelten Identität auseinandersetzen.“ Eine delikate Begründung: Was ist eigentlich “russisch-jüdisch“? „Eingewandert“? ein Wort voller Unter-, Bei- und Nebentönen – man sieht die einwandernden Ostjuden, die Habenichtse. Zum „Einwandern“ nur so viel: Am 2. Mai 1992 um 23.55 h besteigt die Familie Gorelik auf dem Bahnhof der 5-Millionen-Großstadt St. Petersburg (damals noch Leningrad) den Zug, der sie nach einigen Windungen ins schwäbische Ludwigsburg brachte. Die Mutter mit einem summa cum laude Examen, frühere Leiterin einer Fabrik, der Vater mit Diplomen und Examina, die Tochter mit exzellenten Zeugnissen, die Großmutter mit einem Jiddisch, das dem Schwäbischen so gleich klang … Und nun beginnt dies Leben ohne Zugehörigkeit, mit der Suche der Mutter nach Putzstellen und dem rasanten Aufstieg der Tochter durchs deutsche Gymnasium in dieser zum Verzweifeln geeigneten Sprache, der ihr den hässlichen Titel „Streberin“ einbringt, wofür es im Russischen kein Wort gibt. Die deutsche Sprache … “Etwas hat zu sein“ - wer auf dieser Welt kann das begreifen? Und überall dies: „Lernen Sie doch erst einmal richtig Deutsch!“
„Wer wir sind“ - Auskunft über uns, Selbstporträt im Familiengedächtnis, Information über uns, die Anderen, narrative Visitenkarte, Einblickgabe in ein fremdes Leben. Lena Goreliks Buch mag man nicht aus der Hand geben, so hereinziehend, Anteil gebend ist es verfasst in dem Bemühen, zugehörig zu werden. Wenn man aus einem Land kommt, in dem das Wort „Ich“ der letzte Buchstabe im Alphabet ist. Die Lektüre ermöglicht viele Begründungen für viele hoffentlich hoch dotierte Preise! Helmut Ruppel

422 Seiten
22 Euro

Claudio Magris. Gekrümmte Zeit in Krems. Erzählungen

Aus dem Italienischen von Anna Leube
Hanser Verlag München

Zwei Juden beraten über Orte, die sie zur Emigration wählen könnten – Chile ? Schanghai ?
Bei Schanghai sagt einer: „Das ist aber furchtbar weit!“ sagt der andere: „Weit von wo?“
Mit diesem Titel „Weit von wo?“ trat Claudio Magris in mein Büchergedächtnis und hat es nie mehr verlassen. In seinem lebenslangen Stammcafé San Marco in Triest, eine der heimlichen Hauptstädte der habsburgischen Doppelmonarchie, traf ich ihn nicht, den Professor für Deutsche Literatur mit Gastprofessuren in der ganzen Welt, auch an der FU Berlin. Nun hat er, Jahrgang '39, fünf Erzählungen vorgelegt, die natürlich von ihm, vom Alter handeln. „Er stieg aus dem Bus und hielt sich dabei am Haltegriff fest, bis sein Fuß vorsichtig den Asphalt berührte.“ Er ist vorsichtig geworden, körperlich, aber auch sozial und diskret. Die Erzählungen sind so nebenbei, so zufällig, so melancholisch, mit übergehängtem Jackett, so wohltuend unambitioniert, so absolut gewiss, dass Literatur die Welt nicht retten kann, so philantropisch ironisch, so altersmilde gutgelaunt, dass man nicht aufhören kann zuzuhören. Da ist er angekommen mit 82 Jahren, dass er sagen kann: „Nun war die Welt ein Hund, der ihn nicht beißen konnte, sondern mit ihm herumtobte und spielte.“
Die Zeit spielt eine große Rolle, wie die Titelgeschichte andeutet. Es ist ihm, als gerate er in ein „unendliches Präsens“. Fast genau in der Mitte des Buches heißt es einmal „Wann also ist jetzt?“ Verglichen mit zwei anderen „Alters“-Schriftstellern, Martin Walser und Max Frisch, bleibt Magris beim Erzählen. Er leistet sich nicht die fröhlich narzisstische Enthemmung Walsers und die Eitelkeit Frischs ist ihm fremd. Vielleicht hat ihm dabei Triest geholfen mit seiner Internationalität? In einer Erzählung wird ein berühmter Kafka-Experte nach einem Vortrag von einer Zuhörerin mit der Behauptung konfrontiert, er habe zu Schulzeiten eine intensive Beziehung zum schönsten Mädchen der Schule gehabt, sie sei jetzt ihre Freundin und habe sie en detail in Kenntnis gesetzt. Der Kafka-Experte erinnert sich an nichts, an gar nichts. Doch irgendwie stellt sich sehr langsam heraus, dass die Verbindung nachträglich wahr ist oder wird? Die Zeiten verschieben sich ...
Ein aus Polen eingewanderter Jude nannte Mussolini immer „Mojschele“ und befahl dem Sohn, die Faschisten ordentlich zu grüßen: „Hejb die Hand, meschuggener!“ In Triest kommen viele Menschen von weither zusammen; es gibt viel zu erzählen. Helmut Ruppel

93 Seiten
20 Euro

Jaroslav Rudiš. Gebrauchsanweisung fürs Zugreisen

Piper Verlag München

Ein mit-reißendes Buch! Ein Buch fürs Unterwegs-Sein. Der Autor kennt jede Weiche in Europa, jede Speisekarte zwischen Prag und Hamburg, jeden Tunnel zwischen Semmering und Gotthard. Wer in Richtung Kuopio muss und noch einen Grundkurs in finnischer Bahnhofsprache braucht, bitte ab S. 73.
Hier gilt es unbeschwert: Das Leben in großen und kleinen Zügen genießen! Mit einem Großvater als Weichensteller, einem Onkel als Fahrdienstleiter und einem Cousin als Lokführer und Bohumil Hrabals „Liebe nach Fahrplan“ als Lieblingslektüre – da genießt man als Mitreisender jede Verspätung! Zug um Zug ein reines Vergnügen! Helmut Ruppel

256 Seiten
15 Euro

Ljudmila Ulitzkaja. Alissa kauft ihren Tod. Erzählungen

Aus dem Russischen von Ganna-Maria Braungardt
Hanser Verlag München

Ob ihr Band „Eine Seuche in der Stadt“ (2021) sie angeregt hat, diese Erzählungen zu sammeln? Im dritten Teil des Bandes stellt sie reichlich sarkastische Miniaturen zusammen, „Sechs mal sieben Miniaturen“, darunter „Sieben Tode“, „Sieben Geburten“, „Sieben Krankheiten“, aber auch „Sieben Ehepaare“. Und auch sonst spielen die Zeit und der Tod wie bei Claudio Magris – trotz mannigfacher Unterschiede – eine große Rolle, hinzu kommt, dass beide seit geraumer Zeit „Geheimfavoriten“ für den Nobelpreis sind, aus gewichtigen Gründen!
Die Alissa der Titelerzählung möchte zum Sterben hin kein Pflegefall werden, sie sucht ein Mittel zum sanften Suizid. Da bekommt ihre Schwiegertochter ein Kind – sie wird eine glückliche Großmutter! Seit Anfang März lebt Ulitzkaja in Berlin. Sie ist nicht geflohen, aber eins gilt: Putins Russland ist nicht ihr Russland. Und sie ist der festen Gewissheit: „Wenn der Krieg gestoppt wird, dann nur von Frauen!“. Und sie werden porträtiert in den Erzählungen. „Ich liebe diese leichtsinnigen, weisen, schamlosen, bezaubernden, verlogenen, wunderbaren, abergläubischen und treuen, diese überaus klugen und unfassbar dummen Frauen, von denen die Engel im Himmel noch lernen könnten … ich brauche euch, wie ihr seid ...denn ich bin wie ihr und passe zu euch.“ Es gibt Schnapsgelage unter Freundinnen, vorsichtige herzbewegende Liebe, erotische Kosenamen, ironische Nasenstüber und den fortlebenden homo sovieticus. Man muss oft tief durchatmen, das Buch beiseite legen, sich umschauen nach der Welt, in der man lebt - und dann sofort weiter lesen! Immer geht es um Freundschaft, widerständige Klugheit und Lebenszuversicht in Fülle und Vielfalt. Nicht im Großraumwagen zu lesen, Abteil wäre eine gute Wahl …
Helmut Ruppel

304 Seiten
25 Euro

Aharon Appelfeld. Sommernächte

Rowohlt Verlag

Sommernächte werden kommen und sind schon da, wiewohl die Horizonte der Gegenwart an alles andere zu denken zwingen als verblühende und sich wieder aufrichtende Rosen und im Dunkel der Nacht zu Boden fallende Äpfel ...
Appelfelds Buch erschien in Israel 2015 und brauchte sieben Jahre bis zu uns. Ob wir es in einem glücklichen Sinne seinem Tod 2018 zu verdanken haben? Es ist das Buch eines sehr alten Mannes, der sich seiner frühen Kindheit erinnert, des letzten Sommers seiner Kindheit. Er streift als kleiner Landstreicher an der Hand des Großvaters auf der Flucht vor allen Schrecken des Krieges und des Judenhasses durch die Wälder seiner ukrainischen Heimat – für Appelfeld das prägende Lebensthema.
In dem berührenden Erzählband „Meine Eltern“ (2019) malte er uns das Bild seiner Kindheit in den Ferien am ukrainischen Prut, der durch die Bukowina fließt, in der nach Paul Celan „Bücher und Menschen“ leben. Rose Ausländer, Paul Celan, Gregor von Rezzori, Selma Meerbaum-Eisinger haben ihn rauschen hören. Noch heute hängt neben der Tür zu Rose Ausländers früherem kleinen Elternhäuschen an einer abschüssigen Straße in Czernowitz hinab zum Prut eine gesplitterte Glasscheibe mit einem erinnernden Wort Ausländers über die grünen Fluten des Prut. Die Sommernächte sind sehr ruhig, leise, kaum mehr zu hören, schon still. Die Gespräche der beiden knapp, fast tonlos, „kam ein Wort“ (Celan), durchbrach es die Stille. Die Wälder haben ihre Geräusche, die Tiere sind stumm. Sprechen die beiden mitunter, geht es um Träume, die Eltern, Gott und die tägliche Sorge um etwas zu essen.
Der Erzählstil Appelfelds ist völlig zurückgenommen, er nähert sich den stillsten Geschichten der Bibel. Manchmal sagt der Alte: „Janek, lies einen Psalm!“ Der fragt: „Welchen?“ Und der Alte erwidert: „Ist gleich. Alle sind gut“. Das Buch ist kein „Alterswerk“, das ist falsche Einbandsprache.
Mit dem Buch ist ein Endpunkt erreicht ... Für den Elfjährigen hat das Leben noch nicht begonnen. Es verfügt über Stille, eine zu sich gekommene elementare Ruhe. Manchmal glaubt man, der Autor hat vergessen, dass es ein Buch werden sollte, er wiederholt sich: Hat er das vor ein paar Seiten nicht schon mal erzählt? Aber da regiert eine große Gegenbewegung zu Lärm, Tempo, Aufregung und hohler Dramatik. Ein Junge und ein alter Mann in Freundschaft und Nähe in der sommernächtlichen Welt der Wälder, mal ein Satz über Gott, mal ein Wort über den Krieg, und wieder Weiterziehen ...
Nein! Nicht melancholisch, geschweige denn depressiv! Ruhig, gefasst und gefestigt, von Psalmen gestärkt, von Güte ermutigt, kurz - was Literatur kann und soll, ist wunderbar zu erleben - das Leben verstehen und der Barbarei widerstehen!
Dank an Aharon Appelfeld und sein Lebenswerk! Dies Erzählen aus und über die Ukraine stärkt die Verbundenheit mit den vielen Stimmen, die im Raketenhagel zu verstummen drohen …
Helmut Ruppel

221 Seiten
22 Euro

Uwe Wittstock. Februar 33. Der Winter der Literatur

Verlag C. H. Beck

Am 1. April 1938 war von Weizsäcker in die NSDAP eingetreten, wurde Staatssekretär im Auswärtigen Amt, in die SS aufgenommen, später SS-Brigadeführer samt Totenkopf-Ehrenring und SS-Degen – offenbar ein verlässlicher Mann der Macht. Wir wissen nicht präzise, wo er und mit welchen Kenntnissen er den Februar 1933 verbrachte, offiziell Gesandter in Oslo. Ob er vom blitzschnellen Verjagen der deutschen literarischen Elite im Februar 33 nichts erfahren hatte? Den Taliban in Kabul gleich, trieb die neue Macht in wenigen Wochen die tonangebenden Stimmen in Literatur, Theater und Presse in die Flucht, ins Untertauchen, in katastrophische Kälte.
„Berlin, 7.2. 1933 – Mein liebes Kind! Grippewelle u. Heil Hitler beherrschen den Markt...die Grippe ist sehr schlimm. Humlis Klasse ist schon 2 Wochen geschlossen, er selbst gesund u. sehr vergnügt ob der Extraferien...ich war letzten Montag im Faust u. schaute in der Pause auf den Gendarmenmarkt hinunter, da zogen unabsehbare Fackelzüge nach den Linden. Eine Stunde später, in der 2. Pause, zogen sie noch immer. (Wo hatten die Nazis so schnell 20 000 Fackeln her?). Sonst aber herrscht eigentlich Ruhe...“ Betty Scholem schreibt ihrem Sohn Gershom (Gerhard) nach Jerusalem, wie sie den 30. Januar erlebt hat, äußerlich beruhigt, zwischen den Zeilen zittern Ahnungen. (Betty Scholem-Gershom Scholem, Mutter und Sohn im Briefwechsel 1917-1946, C.H. Beck, 579 S.). Uwe Wittstock erzählt den gesamten 30. Januar unter der Überschrift „Die Hölle regiert“: Joseph Roth nimmt sofort am Morgen den Zug nach Paris, Egon Erwin Kisch trifft in Berlin ein, Klaus Mann verlässt die Stadt, Georg Kaiser und Hermann Kesten lesen die BZ-Schlagzeile „Adolf Hitler, Reichskanzler“, Carl von Ossietzky verlässt die U-Bahn, um sich den Nazi-Rummel anzusehen, Hermann Kesten und Erich Kästner bereden die mögliche Flucht in der Weinstube Schwanneke, Harry Graf Kessler sieht vorm Hotel Kaiserhof die Nazikolonnen marschieren, Hitler befasst sich mit dem Gerücht, Hammerstein wolle gegen Hindenburg putschen...so geht es über Stunden am 30. Januar, präzise literarische Miniaturen in rascher Folge, gleich packenden Filmsequenzen. Wittstock beginnt sein Buch mit einem erzählenden Großphoto vom alljährlichen Presseball am 28. Januar auf dem sich tout Berlin trifft...und endet am 15. März. Besondere Aufmerksamkeit erhalten Else Lasker-Schüler, Ernst Toller, Carl von Ossietzky, Nelly und Heinrich Mann, Thomas Mann, Gottfried Benn, Vicky Baum, Alfred Döblin, Ricarda Huch (!), Gabriele Tergit, Oskar Loerke, Erich Mühsam, Bert Brecht und die wichtigsten Stimmen der Preußischen Akademie der Künste, deren Um-Fall zu den beschämendsten Kapiteln der rigorosen Gleichschaltung gehört. Deutschland hat sich von dem faschistischen Furor im Februar 33 nicht mehr erholt - und Wittstock lässt es miterleben, mithören, mitlesen, aber auch mitaushalten? Hermann Göring, preußischer Innenminister nannte die Ziele der Naziherrschaft: „Meine Maßnahmen werden nicht angekränkelt sein durch irgendwelche juristische Bedenken. Hier habe ich keine Gerechtigkeit zu üben, hier habe ich nur zu vernichten und auszurotten, weiter nichts!“ So geschah es. Es gingen so viele, mit Schirm und kleinem Koffer, um nicht aufzufallen...Von Seite zu Seite denkt man: Was geschähe heute in ähnlicher Lage? „Widerstand durch Mitmachen?“ Der „rasenden Verwandlung Deutschlands in eine Hölle aus Diktatur und Terror“ (Sten Nadolny), dem „Winter der Literatur“ , dem „furchtbaren Augenblick“ (Lessing) ist Uwe Wittstock gerecht geworden. Respekt!
Helmut Ruppel

288 Seiten
24 Euro

 

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