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David Nirenberg. Anti-Judaismus. Eine andere Geschichte des westlichen Denkens

C.H.Beck Verlag

David Nirenberg untersucht die Rolle, die der „Jude“, das „Jüdischsein“ insbesondere im westlichen Denken spielen. Dabei geht es nicht um die Rolle realer Personen, Volksgruppen oder Religionsgemeinschaften, wie sie vomAntisemitismus angegriffen werden, sondern um eine Idee vom „Jüdischsein“ und vom „Judaisieren“, die das westliche Denken durchzieht, die sich aber auch im Islam und sogar im antiken Ägypten nachweisen lässt. Insbesondere im frühen Christentum wurde ein erbitterter Streit um die Frage geführt, wie viel des jüdischen Gesetzes von den Christen zu übernehmen sei. Denn nachdem man beschlossen hatte, neben Juden auch Heiden zu bekehren, hatte Petrus darauf bestanden, dass bekehrte Heiden zur Beschneidung und zur Einhaltung der Gesetze verpflichtet seien. Paulus dagegen war der Meinung, dass die Bekehrung zum Christentum keinen Übertritt zu Judentum bedeuten müsse. Dieser Streit, der die Texte der Evangelien prägte und über Jahrhunderte geführt wurde, hat im Westen ein Bild des Juden als geistlosen, buchstabenfixierten Materialisten entstehen lassen, von dem sich der wahre Christ zu hüten habe. Für die Diskussionen um diese Fragen spielte die Anwesenheit realer Juden kaum eine Rolle, ja sie wurde häufig in Gesellschaften schärfsten geführt in denen kaum oder gar keine Juden lebten. Im Lauf der Geschichte ist der „Jude“ zum Gegenbild des frommen Christen geworden, die „Judaisierung“ zur ständigen Gefahr der christlichen Gesellschaft: Was auch immer einem Christen widerfahren mochte, er durfte jedenfalls nicht „jüdisch“ sein. Dass sich dieser Streit in der Zeit der Reformation noch einmal verschärft, indem von beiden Seiten der „Jude“ zur Bestimmung der Gottlosigkeit der jeweils anderen gebraucht wird, ist wenig überraschend. Der Leser von Nirenbergs materialreicher Studie beginnt allerdings auf die sich abzeichnende Epoche der Aufklärung zu hoffen, in der dieser Hass auf Juden und das „Jüdische“ doch ein Ende nehmen sollte. Die Hoffnung wird enttäuscht, der Anti-Judaismus findet sich bei dem jüdischstämmigen Spinoza, bei Voltaire – der in seinem Leben keinem Juden begegnet war –, er zieht sich durch das Denken von Kant und Hegel bis zu Marx. Die Judenfrage in den europäischen Gesellschaften müsse gelöst werden, schreibt Marx; dabei geht es ihm allerdings nicht um reale Juden, sondern um jene, die dadurch judaisiert seien, dass sie das Geld zu ihrem Gott erhoben hätten. Es scheint, dass das westliche Denken seit nun zweitausend Jahren nicht ohne dem "Juden" als sein zu überwindendes Gegenbild auskommen kann. Nirenbergs hervorragende Studie ist oft niederdrückend, aber unbedingt lesenswert. Sie zwingt zum Nachdenken, zum Hinterfragen unserer geistigen Tradition und sie stellt das Bild der viel beschworenen „christlich-jüdischen Kultur“, die Europa geprägt habe, in radikaler Weise infrage. sd

587 Seiten
39,95€


Sommer 2015
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