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Suhrkamp

Nelly, eine Seismologin, verschwindet in der Karibik. Beim Rundflug mit einer Propellermaschine, den sie mit einem Freund unternimmt, verschwindet das Flugzeug plötzlich vom Radar. Das Wetter war gut, die Maschine war vollgetankt, ein Absturz erscheint unwahrscheinlich. Als nach einigen Monaten Trümmerteile geborgen werden, scheint der Beweis gefunden zu sein. Doch von den beiden Passagieren fehlt jede Spur. Verfolgt wird die Suche nicht nur von Nellys Partner, der in der weiteren Handlung keine große mehr spielt, sondern vor allem auch von ihrer langjährigen Freundin, die namenlos bleibt und aus deren Sicht die Geschichte erzählt wird. Als diese der verschwunden Nelly in die Karibik nachreist, begibt sie sich nicht nur auf die Suche nach Antworten bezüglich des Absturzes, sondern auch nach der Antwort auf die Frage, wer Nelly eigentlich war. Durch Erinnerungen, Gespräche mit Bekannten, gefundene Dokumente und Vermutungen versucht sie ein ‚objektives’ Bild von Nelly zu schaffen. Gefärbt ist diese vermeintliche Objektivität jedoch durch die Erinnerung der jeweiligen Personen auf die sie sich bezieht – Nellys Kollegen auf einem Forschungsschiff, ihre Mitbewohnerinnen in der Karibik, ihre Affären und Partner.

Der Roman ist atmosphärisch sehr stimmig. Ob Studentenwohnheime in Deutschland, Forschungsschiffe auf hoher See oder Wohngemeinschaften in der Karibik, ich befand mich gefühlt sofort an den Orten, die Nina Bußmann beschreibt. Die Freundschaft der beiden Frauen wird als eher unterkühlt, kalkuliert und von Missverständnissen geprägt beschrieben. Keine der beiden kann die andere ‚richtig’ wahrnehmen. Beide lebten in ihrer eigenen Blase, gefangen nicht nur an ihrem jeweiligen Ort, sondern auch in ihren Gedanken.

Die beiden Frauen zeigen außerdem Anzeichen mentaler Instabilität, sie sind beeinflusst von Depressionen, Ängsten, Antriebslosigkeit oder selbstzerstörerischem Verhalten. Vielleicht sind es genau diese Ängste die es den beiden unmöglich macht, auf die jeweils andere empathisch zu reagieren. Denn beide isolieren sich, können nicht aus ihren eigenen Zwängen ausbrechen. Die Reise der Freundin ist somit sowohl als ein Versuch der Flucht aus ihren realen und mentalen Zwängen, als auch als Schritt in die beklemmende Situation Nellys zu verstehen, in der sie sich kurz vor ihrem Tod, der im Buch auch als möglicher Freitod dargestellt wird, befand. Die Verschmelzung der beiden Frauen an Nellys letztem Ort führt gleichzeitig zu einer Art Auflösung der klar umrandeten Identität der Freundin. Als Nellys Freundin in die Karibik reist, zieht sie nicht nur in Nellys altes Zimmer, sie befreundet auch ihre Mitbewohner, besucht dieselben Orte, es ist fast so, als versuchte sie Nellys Leben zu leben. Immer tiefer dringt sie in Nellys Vergangenheit ein und konfrontiert sich mit ihren Emotionen. Sie imaginiert Ordnung und Klarheit im Ende Nellys, doch möglicherweise konstruiert sie damit nur ein gedankliches Gegenstück zu ihrem persönlichen Chaos. Janina Gallert

329 Seiten
22,00 €

Die ganze Rezension finden Sie in diesem wunderbaren Blog: https://inbetweenpagesbookblog.wordpress.com/
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